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ENZYKLIKA
REDEMPTORIS MISSIO
SEINER HEILIGKEIT
PAPST JOHANNES PAUL II.
ÜBER DIE FORTDAUERNDE GÜLTIGKEIT
DES MISSIONARISCHEN AUFTRAGES
Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, Gruß und Apostolischen
Segen!
EINLEITUNG
1. Die Sendung Christi, des Erlösers, die der Kirche anvertraut ist,
ist noch weit davon entfernt, vollendet zu sein. Ein Blick auf die
Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, daß
diese Sendung noch in den Anfängen steckt und daß wir uns mit allen
Kräften für den Dienst an dieser Sendung einsetzen müssen. Der Geist
ist es, der dazu ermuntert, die Großtaten Gottes zu verkünden: »Ich
kann mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir,
wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9, 16).
Im Namen der ganzen Kirche fühle ich die Verpflichtung, diesen Ruf
des Apostels Paulus erneut aufzugreifen. Seit dem Beginn meines
Pontifikates habe ich mich entschlossen, bis an die äußersten Enden
der Erde zu reisen, um dieser missionarischen Verantwortung Ausdruck
zu verleihen. Gerade der unmittelbare Kontakt mit den Völkern, die
Christus nicht kennen, hat mich von der Dringlichkeit einer solchen
Aktivität, der diese Enzyklika gelten soll, noch mehr überzeugt.
Das Zweite Vatikanische Konzil wollte das Leben und die Tätigkeit der
Kirche in Anpassung an die Bedürfnisse der heutigen Welt erneuern. Es
hat die missionarische Aufgabe, deren Dynamik es auf die trinitarische
Sendung selbst gründete, in den Vordergrund gestellt. Der
missionarische Impuls ist mithin zutiefst in der Natur des
christlichen Lebens verwurzelt und gibt auch der ökumenischen Bewegung
ihre Stoßrichtung: »Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist
und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt,
daß du mich gesandt hast« (Joh 17, 21).
2. Das Konzil hat schon reiche missionarische Früchte getragen. Es
entstanden Ortskirchen mit eigenen Bischöfen, mit Klerus und
Laienaposteln. Die christlichen Gemeinden werden immer intensiver in
das Leben der Völker eingebunden. Die Verbindung der Kirchen
untereinander bringt einen lebhaften Austausch geistlicher und
materieller Güter mit sich. Das kirchliche Leben ist im Begriff, sich
durch den Verkündigungsauftrag an die Laien zu verändern. Die
Ortskirchen öffnen sich für die Begegnung, für den Dialog und für die
Zusammenarbeit mit Mitgliedern anderer christlicher Kirchen und
Religionen. Es zeigt sich insbesondere ein neues Bewußtsein: der
Sendungsauftrag gilt für alle Christen, für alle Diözesen und
Pfarreien, für die kirchlichen Institutionen und Vereinigungen.
In diesem »neuen Frühling« des Christentums kann jedoch nicht eine
negative Tendenz übersehen werden, der mit diesem Schreiben begegnet
werden soll: die eigentliche Sendung ad gentes scheint
nachzulassen, was gewiß nicht den Weisungen des Konzils und den damit
zusammenhängenden Aussagen des Lehramtes entspricht. Innere und äußere
Schwierigkeiten haben den missionarischen Schwung im Hinblick auf die
Nicht-Christen erlahmen lassen. Diese Tatsache muß allen, die an
Christus glauben, zu denken geben. In der Geschichte der Kirche ist
die Befolgung des missionarischen Auftrages immer ein Zeichen
kraftvollen Lebens gewesen, wie die Nachlässigkeit diesem gegenüber
Zeichen einer Glaubenskrise ist.(1)
Fünfundzwanzig Jahre nach Beendigung des Konzils und nach der
Veröffentlichung des Dekretes über die missionarische Tätigkeit der
Kirche Ad Gentes, fünfzehn Jahre nach dem Apostolischen
Schreiben Evangelii Nuntiandi von Papst Paul VI. ehrwürdigen
Angedenkens möchte ich in Fortführung des Lehramtes meiner
Vorgänger(2) zu dieser Frage die Kirche zu einer Erneuerung des
missionarischen Eifers einladen. Das vorliegende Dokument hat eine
innere Zielrichtung: die Erneuerung des Glaubens und des christlichen
Lebens. Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube
und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung
und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe!
Die neue Evangelisierung der christlichen Völker findet Anregung und
Halt im Einsatz für die sich weltweit betätigende Mission.
Aber was mich noch mehr zur Betonung der Dringlichkeit der
missionarischen Verkündigung bewegt, ist die Tatsache, daß diese
vorrangig den Dienst ausmacht, den die Kirche jedem Menschen und der
ganzen Menschheit von heute erweisen kann. Die Menschheit hat zwar
erstaunliche Errungenschaften aufzuweisen, aber sie scheint den Sinn
für letzte Wirklichkeiten und für das Dasein selbst verloren zu haben.
»Christus, der Erlöser, macht - wie ich in meiner ersten Enzyklika
schrieb - dem Menschen den Menschen selbst voll kund. Der Mensch, der
sich selbst bis in die Tiefe verstehen will, muß sich Christus nahen.
Die Erlösung, die durch das Kreuz erfolgt ist, hat dem Menschen
endgültig seine Würde und den Sinn seiner Existenz in der Welt
zurückgegeben«.(3)
Es gibt auch noch andere Leitgedanken und Beweggründe: vielen
Anfragen soll durch ein solches Schreiben eine Antwort gegeben werden;
Zweifel und Unklarheiten bezüglich der Mission ad gentes sollen
beseitigt werden; diejenigen Schwestern und Brüder, die sich der
missionarischen Tätigkeit widmen, und jene, die ihnen dabei behilflich
sind, sollen in ihrem Einsatz bestärkt werden; die Missionsberufe
sollen gefördert werden; die Theologen sollen ermutigt werden, die
verschiedenen Aspekte der Mission zu vertiefen und systematisch
darzulegen, an den Gedanken der Mission im eigentlichen Sinn soll
erinnert werden, indem die Ortskirchen, insbesondere die jungen,
Missionare schicken und aufnehmen; den Nicht-Christen, besonders den
Behörden jener Länder, denen die missionarische Tätigkeit gilt, soll
versichert werden, daß letztere nur ein Ziel hat, nämlich dem Menschen
zu dienen, indem man ihm die in Jesus Christus erschienene Liebe
Gottes aufzeigt.
3. Ihr Völker alle, öffnet eure Tore für Christus! Sein
Evangelium tut der Freiheit des Menschen, der anderen Kulturen
gebührenden Achtung, allem Positiven in jeder Religion keinen Abbruch.
Wenn ihr Christus aufnehmet, öffnet ihr euch dem endgültigen Wort
Gottes, jenem gegenüber, in dem Gott sich restlos zu erkennen gab und
uns den Weg zu ihm gewiesen hat.
Die Zahl jener, die Christus nicht kennen und nicht zur Kirche
gehören, ist ständig im Wachsen; seit dem Ende des Konzils hat sie
sich sogar beinahe verdoppelt. Diese ungeheure Zahl von Menschen wird
vom Vater, der für sie seinen Sohn gesandt hat, geliebt; die
Dringlichkeit der Mission für sie liegt klar auf der Hand.
Andererseits bietet unsere Zeit der Kirche auf diesem Gebiet neue
Möglichkeiten: der Zusammenbruch von Ideologien und oppressiven
politischen Systemen; die Öffnung der Grenzen und das Entstehen einer
dank der wachsenden Informationsangebote sich einenden Welt; die
Durchsetzung bei den Völkern jener evangelischen Werte, die Jesus in
seinem Leben verkörpert hat (Friede, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit,
Sorge für die Kleinen); eine fortschreitende Seelenlosigkeit in
Wirtschaft und Technik läßt die Suche nach der Wahrheit über Gott,
über den Menschen, über den Sinn des Lebens besonders dringlich
erscheinen.
Gott öffnet der Kirche die Horizonte einer Menschheit, die für den
Samen des Wortes der Frohbotschaft leichter empfänglich ist. Ich halte
die Zeit für gekommen, da alle kirchlichen Kräfte für die neue
Evangelisierung und für die Mission ad gentes einzusetzen sind.
Keiner, der an Christus glaubt, keine Institution der Kirche kann sich
dieser obersten Pflicht entziehen: Christus muß allen Völkern
verkündet werden.
KAPITEL I
JESUS CHRISTUS, ALLEINIGER ERLÖSER
4. »Die grundlegende Aufgabe der Kirche in allen Epochen und
besonders in der unsrigen ist es - so rief ich in der ersten
programmatischen Enzyklika in Erinnerung - den Blick des Menschen, das
Bewußtsein und die Erfahrung der ganzen Menschheit auf das Geheimnis
Christi zu lenken«.(4)
Die weltweite Sendung der Kirche kommt aus dem Glauben an Jesus
Christus, wie es im Bekenntnis des Glaubens an den dreieinigen Gott
heißt: »Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes
eingeborenen Sohn. Er ist aus dem Vater geboren vor aller Zeit ... Für
uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel
herabgestiegen. Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist,
aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden.«(5) Im Ereignis der
Erlösung ist das Heil aller begründet, »denn jeder ist vom Geheimnis
der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses
Geheimnis verbunden«.(6) Allein im Glauben kann die Sendung verstanden
werden, auf ihn hin ist sie gegründet.
Und dennoch fragen sich einige, auch im Hinblick auf die
Veränderungen in der modernen Welt und der Verbreitung neuer
theologischer Ideen: Ist die Mission unter den Nicht-Christen noch
aktuell? Wird sie vielleicht durch den Dialog unter den Religionen
ersetzt? Ist die Förderung im Bereich des Menschlichen nicht eines
ihrer Ziele, das genügt? Schließt nicht die Achtung vor dem Gewissen
und vor der Freiheit jeden Bekehrungsversuch aus? Kann man nicht in
jeder Religion gerettet werden? Warum also Mission?
»Keiner kommt zum Vater außer durch mich« (Joh 14, 6)
5. Wenn wir zu den Ursprüngen der Kirche zurückgehen, so finden wir
dort die klare Aussage, daß Christus der alleinige Erlöser von allen
ist, jener, der allein Gott auszusagen und zu ihm zu führen vermag.
Den jüdischen religiösen Behörden, die die Apostel wegen der durch
Petrus gewirkten Heilung am Gelähmten befragen, erwidert dieser: »Im
Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den
Gott von den Toten auferweckt hat, steht dieser Mann gesund vor euch
... In keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen
kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet
werden sollen« (Apg 4, 10.12 ).
Diese Aussage hat universale Bedeutung, weil für alle - Juden wie
Heiden - das Heil nur von Jesus Christus kommen kann.
Die von Christus gewirkte Universalität des Heiles wird im ganzen
Neuen Testament bezeugt. Paulus anerkennt im auferstandenen Christus
den Herrn: »Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte
Götter gibt - und solche Götter und Herren gibt es viele -, so haben
doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles, und wir
leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn
ist alles, und wir sind durch ihn« (1 Kor 8, 5-6). Der einzige
Gott und der alleinige Herr stehen im Gegensatz zur Vielheit von »Göttern«
und »Herren«, die vom Volk angenommen waren. Paulus reagiert gegen den
Polytheismus der religiösen Umwelt seiner Zeit und stellt das
Charakteristische des christlichen Glaubens heraus: Glaube an einen
einzigen Gott und an einen einzigen, von Gott gesandten Herrn.
Im Johannesevangelium umfaßt diese Universalität des Heiles Christi
die Aspekte seiner Sendung von Gnade und Wahrheit, von Heil und
Offenbarung: Das Wort ist das wahre Licht, das jeden Menschen
erleuchtet (vgl. Joh 1, 9). Und weiter: »Niemand hat Gott je
gesehen. Der einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er
hat Kunde gebracht« (Joh 1, 18; vgl. Mt 11, 27). Die
Offenbarung Gottes wird endgültig und ist vollendet durch das Wirken
seines eingeborenen Sohnes: »Gott, der viele Male und auf vielerlei
Weise einst zu den Vätern gesprochen hat durch die Propheten, hat in
dieser Endzeit zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des
Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat« (Hebr
1, 1-2; vgl. Joh 14, 6). In diesem endgültigen Wort seiner
Offenbarung hat Gott sich in vollendetster Weise der Welt zu erkennen
gegeben: er hat der Menschheit mitgeteilt, wer er ist. Und
diese endgültige Selbstoffenbarung Gottes ist der tiefste Grund,
weshalb die Kirche ihrer Natur nach missionarisch ist. Sie kann nicht
davon absehen, das Evangelium, d.h. die Fülle der Wahrheit, die Gott
uns über sich selbst zur Kenntnis gebracht hat, zu verkünden.
Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen. »Einer
ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der
Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle,
ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit, als dessen Verkünder und
Apostel ich eingesetzt wurde - ich sage die Wahrheit und lüge nicht -
, als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit« (1 Tim
2, 5-7; vgl. Hebr 4, 14-16). Die Menschen können demnach mit
Gott nicht in Verbindnung kommen, wenn es nicht durch Jesus Christus
unter Mitwirkung des Geistes geschieht. Durch seine einzigartige und
universale Mittlertätigkeit, weit entfernt davon, Hindernis auf dem
Weg zu Gott zu sein, ist er der von Gott selbst bestimmte Weg. Er ist
sich dessen voll bewußt. Andere Mittlertätigkeiten verschiedener Art
und Ordnung, die an seiner Mittlerschaft teilhaben, werden nicht
ausgeschlossen, aber sie haben doch nur Bedeutung und Wert allein
in Verbindung mit der Mittlerschaft Christi und können nicht als
gleichrangig und notwendiger Zusatz betrachtet werden.
6. Es widerspricht dem christlichen Glauben, wenn man eine, wie
auch immer geartete, Trennung zwischen dem Wort und Jesus Christus
einführt. Johannes sagt klar, daß das Wort, das am Anfang bei Gott
war, dasselbe ist wie jenes, das Fleisch geworden ist (vgl. Joh
1, 2.14). Jesus ist das fleischgewordene Wort, eine einzige und
unteilbare Person. Man kann auch nicht Jesus von Christus trennen oder
von einem »Jesus der Geschichte« sprechen, der vom »Christus des
Glaubens« verschieden wäre. Die Kirche kennt und bekennt Jesus als
»den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes« (Mt 16, 16):
Christus ist kein anderer als Jesus von Nazareth, und dieser ist das
für das Heil aller menschgewordene Wort Gottes. In Christus »wohnt
wirklich die ganze Fülle Gottes« (Kol 2, 9) und »aus seiner
Fülle haben wir alle empfangen« (Joh 1, 16). Der »einzige Sohn,
der am Herzen des Vaters ruht« (Joh 1, 18), ist »der geliebte
Sohn, durch den wir die Erlösung haben« (Kol 1, 13-14). Im
Heilsplan Gottes ist das Wort nicht zu trennen von Christus: »Denn
Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles
zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus
führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut« (Kol
1, 19-20). Gerade diese Einzigartigkeit Christi ist es, die ihm
eine absolute und universale Bedeutung verleiht, durch die er, obwohl
selbst Teil der Geschichte, Mitte und Ziel der Geschichte selbst ist:(7
)»Ich bin das Alpha und das Omega, der erste und der letzte, der
Anfang und das Ende« (Off 22, 13).
Wenn es also möglich und nützlich ist, die verschiedenen Aspekte
des Geheimnisses Christi ins Auge zu fassen, so darf man dennoch nie
seine Einheit außer acht lassen. Während wir darangehen, die von Gott
jedem Volk zugeteilten Gaben aller Art, insbesondere die geistigen, zu
entdecken und zu bewerten, können wir solche Jesus Christus, der im
Zentrum des göttlichen Heilsplanes steht, nicht absprechen. Wenn »der
Sohn Gottes sich in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen vereinigt«,
so »müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit
anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise
verbunden zu sein«.(8) Es ist Gottes Absicht, »in Christus alles zu
vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist« (Eph 1, 10).
Der Glaube an Christus ist ein Angebot an die Freiheit des
Menschen
7. Die Dringlichkeit missionarischer Tätigkeit geht aus der von
Christus gebrachten und von seinen Jüngern gelebten grundlegenden
Erneuerung des Lebens hervor. Dieses neue Leben ist Gabe Gottes.
Von seiten des Menschen ist erforderlich, sie einzulassen und ihr zum
Wachstum zu verhelfen, wenn er sich selbst entsprechend seiner
ganzheitlichen Berufung nach dem Bild Christi verwirklichen will. Das
ganze Neue Testament ist ein Loblied auf das neue Leben des Menschen,
der an Christus glaubt und in seiner Kirche lebt. Das von der Kirche
bezeugte und verkündete Heil in Christus ist Selbstmitteilung Gottes:
»Es ist die Liebe, die nicht nur das Gute hervorbringt, sondern am
Leben Gottes selbst, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes,
teilhaben läßt. Wer liebt, den drängt es ja, sich selbst zum Geschenk
zu machen.«(9)
Gott bietet dem Menschen dieses neue Leben an. »Kann man Christus
und all das, was er in die Geschichte des Menschen einbrachte,
verwerfen? Natürlich kann man. Der Mensch ist frei. Doch eine
prinzipielle Frage: Darf man? Und: In wessen Namen darf man?«(10)
8. In der modernen Welt neigt der Mensch dazu, sich auf die
horizontale Dimension einzuengen. Aber was wird aus dem Menschen ohne
Öffnung auf das Absolute hin? Die Antwort liegt innerhalb des
Erfahrungsbereiches jedes Menschen, sie ist aber auch eingeschrieben
in die Geschichte der Menschheit mit dem im Namen von Ideologien und
politischen Regimen vergossenen Blut, die »eine neue Menschheit« ohne
Gott aufbauen wollten.(11)
Im übrigen gibt das Zweite Vatikanische Konzil jenen eine Antwort,
denen die Erhaltung der Gewissensfreiheit ein Anliegen ist: »Die
menschliche Person hat das Recht auf religiöse Freiheit. Diese
Freiheit besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem
Zwang, sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie
jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand
gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert
wird, privat oder öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit
anderen innerhalb der gebührenden Grenzen nach seinem Gewissen zu
handeln.«(12)
Verkündigung und Zeugnis für Christus verletzen die Freiheit nicht,
wenn sie mit Achtung vor dem Gewissen erfolgen. Der Glaube verlangt
die freie Zustimmung des Menschen. Aber er muß angeboten werden, weil
»alle Menschen das Recht haben, den Reichtum des Geheimnisses Christi
kennenzulernen, worin, nach unserem Glauben, die Menschheit in
unerschöpflicher Fülle alles das finden kann, was sie suchend und
tastend über Gott, über den Menschen und seine Bestimmung, über Leben
und Tod und über die Wahrheit in Erfahrung zu bringen sucht. Darum ist
die Kirche darauf bedacht, ihren missionarischen Elan lebendig zu
erhalten, ja ihn im geschichtlichen Augenblick unserer heutigen Zeit
noch zu verstärken.«(13) Es ist aber auch, wiederum mit dem Konzil, zu
sagen, daß die Menschen, »weil sie Personen sind, d.h. mit Vernunft
und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung
erhoben, alle - ihrer Würde gemäß - von ihrem eigenen Wesen gedrängt
und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten werden, die
Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion
betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit
festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu
ordnen.«(14)
Die Kirche als Zeichen und Werkzeug des Heiles
9. Als erste kann die Kirche von der Wohltat des Heiles Nutzen
ziehen. Christus hat sie sich mit seinem Blut erworben (vgl. Apg
20, 28) und sie als seine Mitarbeiterin im universalen Heilswerk
eingesetzt. Wirklich, Christus lebt in ihr, ist ihr Bräutigam, wirkt
ihr Wachstum und vollbringt durch sie seine Sendung.
Das Konzil hat immer wieder ausführlich die Rolle der Kirche für
das Heil der Menschheit betont. Während die Kirche anerkennt, daß Gott
alle Menschen liebt und allen die Möglichkeit gibt, ihr Heil zu wirken
(vgl. 1 Tim 2, 4),(15) glaubt sie doch, daß Gott Christus als
einzigen Mittler eingesetzt hat und daß sie selbst als Sakrament
umfassenden Heiles bestellt ist:(16) »Zu dieser katholischen Einheit
des Gottesvolkes ... sind alle Menschen berufen. Auf verschiedene
Weise gehören ihr zu oder sind ihr zugeordnet die katholischen
Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle
Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heil berufen sind.«(17)
Man muß diese beiden Wahrheiten zusammen gegenwärtig haben, die
tatsächlich gegebene Möglichkeit des Heiles in Christus für alle
Menschen und die Notwendigkeit der Anwesenheit der Kirche für dieses
Heil. Beide tragen bei zum Verständnis des einen Heilsgeheimnisses. So
können wir der Barmherzigkeit Gottes und unserer Verantwortung gewahr
werden. Das Heil, das immer Gabe des Geistes ist, erfordert die
Mitarbeit des Menschen, sowohl zur Erlangung des eigenen Heiles wie
des Heiles anderer. So hat Gott es gewollt, darum hat er die Kirche
bestellt und sie in den Heilsplan eingesetzt. »Dieses messianische
Volk - sagt das Konzil - ist von Christus als Gemeinschaft des Lebens,
der Liebe und der Wahrheit gestiftet. Es wird von ihm auch als
Werkzeug der Erlösung angenommen und als Licht der Welt und Salz der
Erde in alle Welt gesandt.«(18)
Das Heil ist ein Angebot an alle Menschen
10. Die Universalität des Heiles bedeutet nicht, daß es nur jenen
gilt, die ausdrücklich an Christus glauben und in die Kirche
eingetreten sind. Wenn das Heil für alle ist, muß es allen zur
Verfügung stehen. Aber es ist klar, daß es heute, wie dies früher der
Fall war, viele Menschen gibt, die keine Möglichkeit haben, die
Offenbarung des Evangeliums kennenzulernen und sich der Kirche
anzuschließen. Sie leben unter sozio-kulturellen Bedingungen, die
solches nicht zulassen. Oft sind sie in anderen religiösen Traditionen
aufgewachsen. Für sie ist das Heil in Christus zugänglich kraft der
Gnade, die sie zwar nicht förmlich in die Kirche eingliedert - obschon
sie geheimnisvoll mit ihr verbunden sind -, aber ihnen in angemessener
Weise innerlich und äußerlich Licht bringt. Diese Gnade kommt von
Christus, sie ist Frucht seines Opfers und wird vom Heiligen Geist
geschenkt: sie macht es jedem Menschen möglich, bei eigener Mitwirkung
in Freiheit das Heil zu erlangen.
Darum erklärt das Konzil nach der zentralen Aussage über das
österliche Geheimnis: »Das gilt nicht nur für die Christgläubigen,
sondern für alle Menschen guten Willens, in deren Herz die Gnade
unsichtbar wirkt. Da nämlich Christus für alle gestorben ist und da es
in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche,
müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit
anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise
verbunden zu sein.«(19)
»Wir können nicht schweigen« (Apg 4, 20)
11. Was ist nun bezüglich der schon erwähnten Einwende gegen die
Mission ad gentes zu sagen? Bei aller Achtung für andere
Überzeugungen und andere Auffassungen müssen wir vor allem, ohne
Überheblichkeit, unseren Glauben an Christus, den alleinigen Erlöser
der Menschen, zum Ausdruck bringen; den Glauben, den wir ohne
irgendein Verdienst unsererseits von oben empfangen haben. Wir sagen
mit Paulus: »Ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft
Gottes, die jeden rettet, der glaubt« (Röm 1, 16). Die
christlichen Glaubenszeugen aller Zeiten - auch unserer Zeit - gaben
und geben ihr Leben, um diesen Glauben vor den Menschen zu bekennen,
aus der Überzeugung heraus, daß jeder Mensch Jesus Christus braucht,
der die Sünde und den Tod besiegt und die Menschen mit Gott versöhnt
hat.
Christus hat sich als Sohn Gottes bezeichnet, der in enger
Verbindung mit dem Vater als solcher von den Jüngern anerkannt wurde
und sein Wort durch Wunder und durch die Auferstehung von den Toten
als wahr erwiesen hat. Die Kirche bietet den Menschen das Evangelium
an, ein prophetisches Dokument, das Antworten gibt auf die Fragen und
Anliegen des Menschenherzens und immer »gute Nachricht« ist. Die
Kirche kann nicht davon Abstand nehmen zu verkünden, daß Jesus
gekommen ist, um das Antlitz Gottes zu offenbaren und durch Kreuz und
Auferstehung für alle Menschen das Heil zu verdienen.
Auf die Frage warum Mission? antworten wir mit dem Glauben
und der Erfahrung der Kirche: sich der Liebe Christi öffnen bedeutet
wahre Befreiung. In ihm, und in ihm allein, werden wir befreit von
jeder Entfremdung und Verirrung, von der Sklaverei, die uns der Macht
der Sünde und des Todes unterwirft. Christus ist wahrhaft »unser
Friede« (Eph 2, 14), und »die Liebe Christi drängt uns« (2
Kor 5,14), die unserem Leben Sinn und Freude gibt. Die Mission
ist eine Frage des Glaubens, sie ist ein unbestechlicher
Gradmesser unseres Glaubens an Christus und seine Liebe zu uns.
Die Versuchung heute besteht darin, das Christentum auf eine rein
menschliche Weisheit zu reduzieren, gleichsam als Lehre des guten
Lebens. In einer stark säkularisierten Welt ist »nach und nach eine
Säkularisierung des Heiles« eingetreten, für die man gewiß zugunsten
des Menschen kämpft, aber eines Menschen, der halbiert und allein auf
die horizontale Dimension beschränkt ist. Wir unsererseits wissen, daß
Jesus gekommen ist, um das umfassende Heil zu bringen, das den ganzen
Menschen und alle Menschen erfassen soll, um die wunderbaren Horizonte
der göttlichen Kindschaft zu erschließen.
Warum Mission? Weil uns, wie dem heiligen Paulus, »die Gnade
geschenkt wurde, den Heiden den unergründlichen Reichtum Christi zu
verkündigen« (Eph 3, 8). Das neue Leben in ihm ist die »gute
Nachricht« für den Menschen aller Zeiten: alle Menschen sind dazu
gerufen und dazu bestimmt. Alle suchen es in der Tat, wenn auch
manchmal verschwommen, und haben das Recht, die Bedeutung eines
solchen Geschenkes kennenzulernen und es zu erlangen. Die Kirche, und
in ihr jeder Christ, kann dieses neue Leben und dessen Reichtum weder
verbergen noch für sich allein zurückhalten, da dies alles von der
göttlichen Güte gegeben wurde, um allen Menschen mitgeteilt zu werden.
Über den äußeren Auftrag des Herrn hinaus steht zugunsten der
Mission auch das tiefe Bedürfnis des Lebens Gottes in uns. Jene, die
in die katholische Kirche eingegliedert sind, können sich als
bevorzugt empfinden, sind deswegen aber gleichzeitig um so mehr
verpflichtet, den Glauben und das christliche Leben zu bezeugen
als Dienst an den Brüdern und schuldige Antwort an Gott, eingedenk
dessen, »daß ihre ausgezeichnete Stellung nicht den eigenen
Verdiensten, sondern der besonderen Gnade Christi zuzuschreiben ist;
wenn sie ihr im Denken, Reden und Handeln nicht entsprechen, wird
ihnen statt Heil strengeres Gericht zuteil.«(20)
KAPITEL II
DAS REICH GOTTES
12. »Gott, der voll Erbarmen ist, wurde uns von Jesus Christus als
Vater geoffenbart: sein Sohn selbst hat ihn uns in sich kundgetan und
kennengelernt«.(21) Dies schrieb ich zu Beginn der Enzyklika Dives
in misericordia, um zu zeigen, wie Christus die Offenbarung und
Verkörperung der Barmherzigkeit des Vaters ist. Das Heil besteht darin,
an das Geheimnis des Vaters und seiner Liebe zu glauben und es
anzunehmen. Diese Liebe zeigt sich und wird Gabe in Jesus durch den
Geist. So vollendet sich das Reich Gottes, das schon im Alten Bund
vorbereitet, durch Christus und in Christus verwirklicht und von der
Kirche allen Nationen verkündet wurde. Diese wirkt und betet darum,
daß es sich in vollkommener und endgültiger Weise verwirklichen möge.
Das Alte Testament bezeugt, daß Gott sich ein Volk erwählt und
geformt hat, um seinen Plan der Liebe zu offenbaren und zu
verwirklichen. Aber zugleich ist Gott Schöpfer und Vater aller Völker,
er trägt Sorge für alle, sein Segen gilt allen (vgl. Gen 12,
3), mit allen hat er einen Bund geschlossen (vgl. Gen 9, 1-17).
Israel macht die Erfahrung der Existenz eines persönlichen Gottes und
Erlösers (vgl. Dtn 4, 37; 7, 6-8; Jes 43, 1-7) und wird
so Zeuge und Verkünder inmitten der Völker. Im Laufe seiner Geschichte
wird sich Israel bewußt, daß seine Erwählung weltumfassende Bedeutung
hat (vgl. z.B. Jes 2, 2-5; 25, 6-8; 60, 1-6; Jer 3, 17;
16, 19).
Christus bewirkt die Anwesenheit des Reiches
13. Jesus von Nazareth bringt den Plan Gottes zur Vollendung.
Nachdem er in der Taufe den Heiligen Geist empfangen hat, tut er seine
messianische Berufung kund: er durchwandert Galiläa, »er verkündet das
Evangelium Gottes und spricht: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes
ist nahe; kehrt um und glaubt an das Evangelium"« (Mk 1, 14-15;
vgl.Mt 4, 17; Lk 4, 43). Die Verkündigung und Errichtung
des Reiches Gottes sind Gegenstand seiner Sendung: »Dazu bin ich
gesandt worden« (Lk 4, 43). Aber da ist noch mehr: Jesus ist
selbst die »gute Nachricht«, wie er schon am Anfang der Sendung in der
Synagoge seiner Heimat betont, indem er die Worte Jesajas über den
Gesalbten, der vom Geist des Herrn gesandt ist, auf sich selbst
bezieht (vgl. Lk 4, 14-21). Da Christus also die »gute
Nachricht« ist, besteht kein Unterschied zwischen Botschaft und
Verkünder, zwischen Wort, Handeln und Sein. Seine Kraft, das Geheimnis
der Wirkung seines Handelns liegt in der völligen Identität mit der
Botschaft, die er bringt: er sagt die »gute Nachricht« an, nicht nur
in dem, was er spricht und tut, sondern in dem, was er ist.
Jesu Tätigkeit wird beschrieben im Zusammenhang mit seinen
Wanderungen durch sein Land. Der Horizont seiner Sendung vor Ostern
ist mit Israel umschrieben. Mit Jesus ist jedenfalls etwas Neues von
entscheidender Bedeutung gegeben. Die eschatologische Realität wird
nicht auf ein fernes Ende der Welt verlegt, sie ist schon nahe und
beginnt sich zu verwirklichen. Das Reich Gottes ist nahe (vgl. Mk
1, 15), man soll bitten, daß es komme (vgl. Mt 6, 10), der
Glaube sieht es bereits am Werk in den Zeichen, wie sie vorhanden sind
in den Wundern (vgl. Mt 11, 4-5), in den Dämonenaustreibungen (vgl.
Mk 3, 13-19), in der Verkündigung der Frohbotschaft an die
Armen (vgl. Lk 4, 18). In der Begegnung Jesu mit den Heiden
wird klar, daß der Zugang zum Reich durch den Glauben und durch
Bekehrung (vgl. Mk 1, 15) ermöglicht wird, und nicht einfach
durch völkische Zugehörigkeit.
Das Reich, das Jesus bringt, ist das Reich Gottes. Jesus selbst
macht offenbar, wer dieser Gott ist, dem er zutraulich den Namen
»Abba«, Vater, gibt (vgl. Mk 14, 36). Gott, wie er insbesondere
in den Gleichnissen erscheint (vgl. Lk 15, 3-32; Mt 20,
1-6), ist den Nöten und Leiden jedes Menschen gegenüber offen: er ist
ein liebender Vater, voll Mitleid, er verzeiht und gewährt
ungeschuldet die erbetene Gnade.
Der heilige Johannes sagt uns, daß Gott die Liebe ist (vgl. 1
Joh 4, 8.16). Jeder Mensch ist demnach eingeladen, »sich zu
bekehren« und zu »glauben« an die barmherzige Liebe, die Gott für ihn
hat: das Reich wird in dem Maße wachsen, in dem jeder Mensch lernt,
sich in inniger Vertrautheit des Gebetes an Gott wie an einen Vater zu
wenden (vgl. Lk 11, 2; Mt 23, 9) und indem er sich
bemüht, seinen Willen zu erfüllen (vgl. Mt 7, 21).
Besonderheiten und Erfordernisse des Reiches
14. Jesus offenbart nach und nach die Besonderheiten und
Erfordernisse des Reiches durch sein Wort, durch sein Handeln und
überhaupt durch seine Person.
Das Reich Gottes ist für alle Menschen bestimmt, da alle dazu
berufen sind, darin eingegliedert zu werden. Um diesen Aspekt
hervorzuheben hat Jesus sich insbesondere jenen zugewandt, die am
Rande der Gesellschaft existieren. Er gab ihnen bei seiner
Verkündigung der frohen Botschaft den Vorzug. Am Anfang seiner
Tätigkeit verkündete er, daß er gesandt sei, den Armen eine gute
Nachricht zu bringen (vgl. Lk 4, 18). Allen, die Opfer von
Ablehnung und Verachtung geworden sind, erklärt er: »Selig die Armen«
(Lk 6, 20); darüberhinaus ermöglicht er diesen Randexistenzen
eine Erfahrung der Befreiung, indem er bei ihnen ist und mit ihnen
Mahl hält (vgl. Lk 5, 30; 15, 2), sie als gleichwertig und als
Freunde behandelt (vgl. Lk 7, 34), sie merken läßt, daß sie von
Gott geliebt sind, und auf diese Weise offenbart er sein grenzenlos
zartfühlendes Herz gegenüber den Bedürftigen und Sündern (vgl. Lk
15, 1-32).
Befreiung und Heil im Reich Gottes betreffen die menschliche Person
in ihrer physischen wie geistigen Dimension. Zwei Tätigkeiten Jesu
sind für seine Sendung bezeichnend: heilen und vergeben. Die
zahlreichen Heilungen zeigen sein großes Mitleid angesichts
menschlichen Elendes; sie tun aber auch kund, daß es im Reich weder
Krankheit noch Leid geben wird und daß seine Sendung von Anfang an
darauf abzielt, die Menschen davon zu befreien. In der Sicht Jesu sind
die Heilungen auch Zeichen für das geistliche Heil, die Befreiung von
der Sünde. Wenn Jesus Krankenheilungen vollbringt, so ruft er zum
Glauben, zur Bekehrung, zum Verlangen nach Verzeihung (vgl. Lk
5, 24). Ist der Glaube da, so will die Heilung mehr erreichen: sie
führt zur Heilssituation (vgl. Lk 18, 42-43 ). Die Befreiung
von Besessenheit und Dämonen, äußerstes Übel und sichtbarer Ausdruck
der Sünde und der Auflehnung gegen Gott, ist Zeichen dafür, daß »das
Reich Gottes zu euch gekommen ist« (Mt 12, 28).
15. Das Reich ist darauf angelegt, die Beziehungen unter den
Menschen zu verändern und verwirklicht sich schrittweise insofern sie
lernen einander zu lieben, einander zu vergeben und einander zu dienen.
Jesus nimmt das ganze Gesetz auf und gibt ihm im Gebot der Liebe seine
Mitte (vgl. Mt 22, 34-40; Lk 10, 25-28). Bevor er von
den Seinen scheidet, gibt er ihnen ein »neues Gebot«: »Wie ich euch
geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 14;
vgl. 15, 12). Die Liebe, mit der Jesus die Welt geliebt hat, findet
ihren höchsten Ausdruck in der Hingabe seines Lebens für die Menschen
(vgl. Joh 3, 16). Darum ist die Natur des Reiches die
Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott.
Das Reich bezieht alle ein: die einzelnen, die Gesellschaft, die
ganze Welt. Für das Reich wirken bedeutet Anerkennung und Förderung
der göttlichen Dynamik, die in der Geschichte der Menschheit anwesend
ist und sie umformt. Das Reich aufbauen bedeutet arbeiten zur
Befreiung vom Übel in allen seinen Formen. Das Reich Gottes ist
letztlich die Offenbarung und Verwirklichung seiner Heilsabsicht in
ganzer Fülle.
Im Auferstandenen kommt das Reich zur Vollendung und wird
durch ihn verkündet
16. Indem Gott Jesus von den Toten erweckte, hat er den Tod besiegt,
und in ihm hat er sein Reich in endgültiger Weise eingesetzt. Während
seines Erdenlebens ist Jesus Prophet des Reiches und nach seinem
Leiden, seiner Auferstehung und Himmelfahrt hat er Anteil an der Macht
Gottes und an seiner Herrschaft über die Welt (vgl. Mt 28, 28;
Apg 2, 36; Eph 1, 18-21). Die Auferstehung gibt der
Botschaft Christi, seinem Handeln und seiner ganzen Sendung universale
Bedeutung. Die Jünger erkennen, daß das Reich in der Person Jesu schon
anwesend ist und daß es im Menschen und in der Welt mittels einer
geheimnisvollen Verbindung mit ihm nach und nach eingerichtet wird.
Nach der Auferstehung predigen die Jünger vom Reich, indem sie
verkünden, daß Jesus gestorben und auferstanden ist. Philippus
verkündet in Samaria »das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen
Jesu Christi« (Apg 8, 12). Paulus verkündet in Rom »das Reich
Gottes und trug ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus
Christus, den Herrn, vor« (Apg 28, 31). Die ersten Christen
verkünden »das Reich Christi und Gottes« (Eph 5, 5; vgl. Off
11, 15; 12, 10) oder einfach »das ewige Reich unseres Herrn und
Retters Jesus Christus« (2 Petr 1, 11). In der Verkündigung
über Jesus Christus, mit dem das Reich identisch ist, findet die
Verkündigung der frühen Kirche ihre Mitte. Wie damals, so gilt es auch
heute, die Verkündigung über das Reich Gottes (Inhalt des »Kerygmas«
Jesu) und die Verkündigung des Ereignisses Jesus Christus (»Kerygma«
der Apostel) zu verbinden. Beide ergänzen sich und beleuchten einander.
Das Reich in seiner Beziehung zu Christus und zur Kirche
17. Heute spricht man viel vom Reich, aber nicht immer im
Gleichklang mit kirchlichem Denken. Es gibt Auffassungen über Heil und
Sendung, die man »anthroprozentrisch« in einem verkürzten Sinn dieses
Begriffes nennen könnte, insofern sie auf die irdischen Bedürfnisse
des Menschen ausgerichtet sind. In solcher Sicht wird das Reich eher
zu einer rein irdischen und säkularisierten Wirklichkeit, in der
Programme und der Kampf für sozio-ökonomische, politische und
kulturelle Befreiung den Ausschlag geben, aber der Horizont bleibt der
Transzendenz gegenüber verschlossen. Ohne zu leugnen, daß auch auf
dieser Ebene Werte zu fördern sind, bleibt diese Auffassung doch
innerhalb der Grenzen eines Reiches, in dem der Mensch um seine echten
und tiefen Dimensionen gebracht wird und allzu leicht einer der rein
irdischen Fortschrittsideologien verhaftet bleibt. Das Reich Gottes
aber ist nicht von dieser Welt, es ist nicht von hier (vgl. Joh
18, 36).
Es gibt sodann jene Ansichten, die eindeutig den Akzent auf das
Reich legen und sich als »reich-zentriert« bezeichnen. Sie wollen das
Bild einer Kirche entwerfen, die nicht an sich selbst denkt, die
vielmehr ganz damit befaßt ist, Zeugnis vom Reich zu geben und ihm zu
dienen. Sie ist eine »Kirche für die anderen«, so sagt man, wie
Christus der »Mensch für die anderen« ist. Man beschreibt die Aufgabe
der Kirche so, als sollte sie in zwei Richtungen gehen; einerseits
soll sie die sogenannten »Werte des Reiches«, wie Friede,
Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit fördern; andererseits soll sie
den Dialog unter den Völkern, Kulturen, Religionen begünstigen, damit
sie sich gegenseitig bereichern und der Welt helfen, sich zu erneuern
und immer mehr den Weg auf das Reich hin zu gehen.
Neben positiven Aspekten bieten diese Auffassungen oft negative
Seiten. Insbesondere übergehen sie die Person Christi mit Schweigen:
das Reich, von dem sie sprechen, gründet sich auf eine »Theozentrik«,
weil - wie sie sagen - Christus von jenen nicht verstanden werden kann,
die nicht den christlichen Glauben haben, während verschiedene Völker,
Kulturen und Religionen in einer einzigen göttlichen Wirklichkeit, wie
immer diese genannt werden mag, sich wiederfinden können. Aus dem
gleichen Grund geben sie dem Geheimnis der Schöpfung den Vorzug, das
sich in der Verschiedenheit de Kulturen und religiösen Anschauungen
widerspiegelt, sagen aber nichts über das Geheimnis der Erlösung.
Darüberhinaus erliegt das Reich, wie sie es verstehen, der Gefahr, die
Kirche an den Rand zu drängen oder sie unterzubewerten, als Reaktion
auf eine vermeintliche »Ekklesiozentrik« in der Vergangenheit, und
weil sie die Kirche als bloßes Zeichen betrachten, das im übrigen
nicht frei ist von Zweideutigkeiten.
18. Dies ist aber nun nicht das Reich Gottes, wie wir es von der
Offenbarung her kennen: es kann weder von Christus noch von der Kirche
losgelöst werden.
Wie schon gesagt, hat Christus das Reich nicht nur verkündet, in
seiner Person ist es anwesend und kommt in ihr zur Vollendung. Dies
nicht nur durch seine Worte und seine Taten: »Vor allem wird dieses
Reich offenbar in der Person Christi selbst, des Sohnes Gottes und des
Menschensohnes, der gekommen ist, "um zu dienen und sein Leben
hinzugeben als Lösegeld für die vielen" (Mk 10, 45)(22) Das
Reich Gottes ist nicht eine Anschauung, eine Doktrin, ein Programm,
das man frei ausarbeiten kann, es ist vor allemeine Person, die
das Antlitz und den Namen Jesu von Nazareth trägt, Abbild des
unsichtbaren Gottes.(23) Wenn man das Reich von der Person Jesu trennt,
hat man nicht mehr das von ihm geoffenbarte Reich Gottes, man verkehrt
schließlich entweder den Sinn des Reiches, das ein rein menschliches
oder ideologisches Objekt zu werden droht, oder man verfälscht die
Identität Christi, der nicht mehr als der Herr, dem alles
unterzuordnen ist, erscheint (vgl. 1 Kor 15, 27).
Ebenso kann man das Reich nicht von der Kirche loslösen. Gewiß, sie
ist nicht selbst Ziel, da sie auf das Reich Gottes hingeordnet ist,
dessen Wirklichkeit sie keimhaft und zeichenhaft darstellt und dessen
Werkzeug sie ist. Aber bei aller klaren Unterscheidung zwischen Kirche
einerseits und Christus und Reich andererseits, bleibt die Kirche doch
untrennbar mit beiden verbunden. Christus hat die Kirche, seinen Leib,
mit der Fülle der Heilsgüter und -mittel ausgestattet; der Heilige
Geist wohnt in ihr, gibt ihr Leben mit seinen Gaben und Charismen,
heiligt, leitet und erneuert sie ständig.(24) Daraus resultiert eine
besondere und einzigartige Beziehung, die der Kirche eine spezifische
und notwendige Rolle zuweist, obschon sie das Werk Christi und des
Geistes nicht auf ihre sichtbaren Grenzen einengt. Von hier aus ergibt
sich auch das besondere Band zwischen Kirche und Reich Gottes und
Christi, »das anzukündigen und in allen Völkern zu begründen sie die
Sendung hat«.(25)
19. In dieser Gesamtschau kann die Wirklichkeit des Reiches
verstanden werden. Es macht gewiß die Förderung der menschlichen Güter
und Werte erforderlich, die man passend als »evangelisch« bezeichnen
kann, weil sie aufs engste mit der frohen Botschaft verbunden sind.
Aber diese Förderung, die auch der Kirche am Herzen liegt, soll nicht
losgelöst werden von und nicht in Gegensatz gebracht werden zu ihren
anderen grundlegenden Aufgaben, wie die Verkündigung Christi und
seines Evangeliums, die Gründung und Entwicklung der Gemeinschaft,
wodurch ein lebendiges Bild des Reiches unter den Menschen entsteht.
Man soll nicht befürchten, auf diese Weise einer gewissen Form der »Ekklesiozentrik«
zu verfallen. Paul Vl., der die Existenz »eines in die Tiefe
reichenden Bandes zwischen Christus, Kirche und Evangelisierung«(26)
feststellt, hat ebenso gesagt, daß die Kirche »sich nicht selbst Ziel
ist, daß sie sich aber eifrig bemüht, ganz Christus zu gehören, in ihm
und für ihn zu sein, und ganz auf der Seite der Menschen zu stehen,
unter ihnen und für sie dazusein«.(27)
Die Kirche im Dienst für das Reich
20. Die Kirche ist tatsächlich und konkret für den Dienst am Reich
da. Sie ist es insbesondere mit der Verkündigung, die zur Bekehrung
aufruft: dies ist der erste und grundlegende Dienst für das Kommen des
Reiches in den einzelnen und in der menschlichen Gesellschaft. Das
eschatologische Heil nimmt schon jetzt im neuen Leben in Christus
seinen Anfang: »Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes
zu werden, allen, die an seinen Namen glauben« (Joh 1, 12).
Die Kirche dient dem Reich sodann, indem sie auf der Welt die »evangelischen
Werte« der Seligpreisungen bekanntmacht, die authentischer Ausdruck
des Reiches sind und die den Menschen helfen, Gott mit seinem Vorhaben
einzulassen. Es ist also wahr, daß die Wirklichkeit des Reiches in
Ansätzen sich auch jenseits der Grenzen der Kirche in der gesamten
Menschheit finden kann, insofern diese die »evangelischen Werte« lebt
und sich der Tätigkeit des Geistes öffnet, der weht, wo und wie er
will (vgl. Joh 3, 9); es ist aber auch zu sagen, daß diese
zeitliche Dimension des Reiches unvollständig bleibt, wenn sie nicht
zusammen mit dem Reich Christi ausgesagt wird, das in der Kirche
anwesend und auf die eschatologische Vollendung ausgerichtet ist.(28)
Die vielfältigen Aspekte des Reiches Gottes(29) schwächen die
Grundlagen und Ziele der missionarischen Tätigkeit nicht, sie
bestärken und erweitern sie vielmehr. Die Kirche ist Sakrament des
Heiles für die ganze Menschheit, und ihre Tätigkeit beschränkt sich
nicht auf jene, die die Heilsbotschaft annehmen. Sie ist treibende
Kraft auf dem Weg der Menschheit auf das eschatologische Reich hin,
ist Zeichen und Förderin der evangelischen Werte unter den
Menschen.(30) Für das Einschlagen dieses Weges der Hinwendung zum Plan
Gottes liefert die Kirche ihren Beitrag durch ihr Zeugnis und ihre
Tätigkeit, durch Dialog, durch Förderung im menschlichen Bereich,
durch Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, für Erziehung und für
Pflege der Kranken, durch Sorge für die Armen und Kleinen, wobei sie
die transzendentale und geistliche Wirklichkeit im Auge behält, die
auf das eschatologische Heil vorbereitet.
Die Kirche dient schließlich dem Reich auch durch ihre Fürbitte,
denn dieses ist seiner Natur nach Gabe und Werk Gottes, wie die
Gleichnisse im Evangelium und das Gebet, das Jesus uns selbst gelehrt
hat, in Erinnerung bringen. Wir müssen es erbitten, aufnehmen und in
uns und in der Welt zum Wachsen bringen; wir müssen aber auch daran
mitarbeiten, daß es von den Menschen angenommen wird und wächst, bis
Christus »das Reich dem Vater übergibt und Gott über alles und in
allem herrscht« (1 Kor 15, 24.28).
KAPITEL III
DER HEILIGE GEIST ALS VORKÄMPFER FÜR DIE MISSION
21. »Auf dem Höhepunkt der messianischen Sendung Jesu wird der
Heilige Geist im österlichen Geheimnis ganz als göttliche Person
gegenwärtig: als derjenige, der das Heilswerk, das im Kreuzesopfer
gründet, fortführen soll. Zweifelsohne wird dieses Werk von Jesus
Menschen anvertraut: den Aposteln, der Kirche. Doch bleibt der Heilige
Geist in diesen Menschen und durch sie der transzendental Handelnde
bei der Verwirklichung dieses Werkes im Geiste des Menschen und der
Weltgeschichte«.(31)
Der Heilige Geist ist wahrlich die Hauptperson für die ganze
kirchliche Sendung: sein Werk leuchtet großartig auf in der Mission
ad gentes, wie es in der ersten Kirche bei der Bekehrung des
Kornelius aufscheint (vgl. Apg 13 ), für die Entscheidungen bei
aufkommenden Problemen (vgl. Apg 15), für die Auswahl von
Ländern und Völkern (vgl. Apg 16, 6ff). Der Geist wirkt durch
die Apostel, gleichzeitig aber auch in den Hörern: »Durch sein Wirken
nimmt die Frohe Botschaft Gestalt im Gewissen und Herzen der Menschen
an und breitet sich in der Geschichte aus. In all diesen Dimensionen
macht der Heilige Geist lebendig«.(32)
Die Sendung im Geist »bis an die Grenzen der Erde« (Apg
1, 8)
22. Wenn die Evangelisten von Begegnungen des Auferstandenen mit
den Aposteln berichten, schließen sie alle mit dem messianischen
Auftrag: »Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum
geht zu allen Völkern ... Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der
Welt« (Mt 28, 18-20; vgl. Mk 16, 15-18; Lk 24,
46-49; Joh 20, 21-23).
Diese Sendung ist Sendung im Geist, wie aus dem Text bei
Johannes klar hervorgeht: Christus sendet die Seinen in die Welt, wie
der Vater ihn gesandt hat, und darum gibt er ihnen den Geist. Lukas
seinerseits verbindet das Zeugnis, das die Apostel für Christus geben
sollen, eng mit dem Wirken des Geistes, das sie befähigen wird, den
empfangenen Auftrag zu verwirklichen.
23. Die verschiedenen Formen des Missionsauftrages enthalten
Gemeinsamkeiten und charakteristische Akzente, zwei gemeinsame
Elemente finden sich aber in allen Fassungen. Vor allem die universale
Dimension der den Aposteln übertragenen Aufgabe: »Alle Völker« (Mt
28, 19); »die ganze Welt, allen Geschöpfen« (Mk 16, 15); »alle
Völker« (Lk 24, 47); »bis an die Grenzen der Erde« (Apg
1, 8). An zweiter Stelle ist zu nennen die vom Herrn gegebene
Zusicherung, daß sie bei dieser Aufgabe nicht allein sein werden,
sondern daß sie die Kraft und Ausrüstung erhalten werden, um ihre
Sendung auszuführen. Das ist die Gegenwart und die Macht des Geistes
und die Gegenwart Jesu: »Sie zogen aus und predigten überall. Der Herr
stand ihnen bei« (Mk 16, 20).
Was die unterschiedlichen Akzente für den Missionsauftrag betrifft,
so stellt Markus die Sendung als Ausrufung oder Kerygma dar:
»Verkündet das Evangelium« (Mk 16, 15). Ziel des Evangelisten
ist es, den Leser dazu zu bringen, das Bekenntnis des Petrus zu
wiederholen: »Du bist der Messias« (Mk 8, 29) und wie der
römische Hauptmann in Gegenwart des am Kreuz gestorbenen Jesus zu
sagen: »Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn« (Mk 15, 39).
Bei Matthäus liegt der missionarische Akzent auf der Gründung der
Kirche und der Unterweisung (vgl. Mt 28, 19-20; 16, 18): bei
ihm also macht der Auftrag deutlich, daß die Verkündigung des
Evangeliums durch eine spezifisch kirchliche und sakramentale
Unterweisung ergänzt werden muß. Bei Lukas wird die Sendung als
Zeugnis dargestellt (vgl. Lk 24, 48; Apg 1, 8), das
besonders die Auferstehung betrifft (vgl. Apg 1, 22). Der mit
der Sendung Beauftragte ist aufgerufen, an die verwandelnde Kraft des
Evangeliums zu glauben und das zu verkünden, was Lukas gut zur
Darstellung bringt, nämlich die Hinwendung zur Liebe und
Barmherzigkeit Gottes, zur Erfahrung einer umfassenden Befreiung, die
bis auf den Grund allen Übels reicht, die Sünde.
Johannes ist der einzige, der ausdrücklich vom »Auftrag« spricht,
einem Wort, das mit »Mission« gleichbedeutend ist und die Sendung, die
Jesus den Seinen aufträgt, unmittelbar mit jener verbindet, die er
selbst vom Vater empfangen hat: »Wie mich der Vater gesandt hat, so
sende ich euch« (Joh 20, 21). Jesus spricht zum Vater: »Wie du
mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt
gesandt« (Joh 17, 18). Die ganze Bedeutung der Sendung im
Johannesevangelium kommt im Hohenpriesterlichen Gebet zum Ausdruck:
»Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott zu erkennen
und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17, 3). Letzter
Sinn der Sendung ist es, Anteil zu geben an der Gemeinschaft, die
zwischen Vater und Sohn besteht. Die Jünger sollen die Einheit
untereinander leben, sie sollen im Vater und im Sohn »bleiben«, damit
die Welt erkennt und glaubt (vgl. Joh 17, 21-23). Dies ist ein
bezeichnender missionarischer Text. Er läßt begreifen, daß man
Missionar zuallererst ist durch das, was man ist, als Kirche,
die zutiefst die Einheit der Liebe lebt, bevor man es ist durch
das, was man sagt oder tut.
Die vier Evangelien weisen also bei der grundsätzlichen
Einheitlichkeit der Darstellung der Mission Unterschiede auf, die
verschiedene Erfahrungen und Situationen in den ersten christlichen
Gemeinden widerspiegeln. Sie ist auch Frucht des dynamischen Antriebs
durch denselben Geist; sie weist auch darauf hin, auf die
verschiedenen missionarischen Charismen und die unterschiedlichen
menschlichen Verhältnisse zu achten. Aber alle Evangelisten betonen,
daß die Sendung der Jünger ein Mitwirken mit der Sendung Christi ist:
»Seid gewiß, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt
28, 20). Die Sendung gründet sich demnach nicht auf menschliche
Fähigkeit, sondern auf die Macht des auferstandenen Herrn.
Der Geist hat die führende Rolle bei der Sendung
24. Die Sendung der Kirche ist, wie die Jesu, Werk Gottes oder, wie
Lukas oft schreibt, Werk des Geistes. Nach der Auferstehung und
Himmelfahrt Jesu machen die Apostel eine intensive Erfahrung, die sie
umwandelt: Pfingsten. Die Ankunft des Heiligen Geistes macht aus ihnen
Zeugen und Propheten (vgl. Apg 1, 8; 2, 17-18).
Sie sind beseelt von einer unaufdringlichen Kühnheit, die sie
anleitet, anderen ihre Erfahrungen mit Jesus und die Hoffnung, die sie
erfüllt, mitzuteilen. Der Geist macht sie fähig, für Jesus »freimütig«
Zeugnis abzulegen.(33)
Als die Verkünder der Botschaft aus Jerusalem hinausziehen,
übernimmt der Geist noch mehr die Führerrolle, sei es in der Auswahl
der Personen oder der zu beschreitenden Wege in der Mission. Sein
Wirken zeigt sich insbesondere im Anstoß zur Mission, die nach den
Worten Christi von Jerusalem aus sich über ganz Judäa und Samaria bis
an die äußersten Enden der Erde ausbreitet.
Die Apostelgeschichte bietet sechs zusammenfassende Berichte
von »Missionsreden«, die in den Anfängen der Kirche an die Juden
gerichtet sind (vgl. Apg 2, 22-39; 3, 12-26; 4, 9-12; 5, 29-32;
10, 34-43; 13, 16-41). Diese Reden können als Modelle gelten, die von
Petrus und Paulus gehalten wurden. Sie verkünden Jesus, rufen zur
»Bekehrung«, d.h. Jesus soll im Glauben aufgenommen werden und vom
Geist soll man sich in ihn umwandeln lassen.
Paulus und Barnabas werden vom Geist zu den Heiden gedrängt (vgl.
Apg 13, 46-48), was nicht ohne Spannungen und Probleme vor sich
geht. Wie sollen die bekehrten Heiden ihren Glauben an Jesus leben?
Sind sie an die jüdische Tradition gebunden und an das Gesetz der
Beschneidung? Beim ersten Konzil, das um die Apostel Mitglieder
verschiedener Kirchen versammelt, wird eine Entscheidung gefällt, die
als vom Geist stammende anerkannt wird: es ist nicht nötig, daß ein
Heide sich dem jüdischen Gesetz unterwirft, um Christ zu werden (vgl.
Apg 15, 5-11). Von da an öffnet die Kirche ihre Tore und wird
das Haus, in das alle eintreten und sich zu Hause fühlen können, indem
sie die eigene Kultur und die eigene Tradition beibehalten, sofern
diese nicht im Gegensatz zum Evangelium stehen.
25. Die Missionare sind dieser Linie gefolgt und halten sich stets
die Erwartungen und Hoffnungen, die Sorgen und Leiden, die Kultur der
Menschen gegenwärtig, um ihnen das Heil in Christus zu verkünden. Die
Reden in Lystra und Athen (vgl. Apg 14, 11-17; 17, 22-31)
werden als Muster der Evangelisierung bei den Heiden angesehen: Paulus
kommt mit den Kulturen und religiösen Werten verschiedener Völker ins
Gespräch. Den Bewohnern von Lykaonien, die eine kosmische Religion
praktizierten, bringt er religiöse Erfahrungen in Erinnerung, die sich
auf den Kosmos beziehen; mit den Griechen spricht er über Philosophie
und zitiert ihre Dichter (vgl. Apg 17, 18. 26-28). Der Gott,
den er ihnen offenbaren will, ist in ihrem Leben schon anwesend: er
hat sie nämlich geschaffen und leitet geheimnisvoll die Völker und die
Geschichte (vgl. Apg 14, 16-17); dennoch sollen sie, um den
wahren Gott zu erkennen, ihre falschen, von ihnen selbst verfertigten
Götter verlassen und sich für jenen öffnen, den Gott gesandt hat, um
ihrer Unwissenheit abzuhelfen und die Erwartung ihres Herzens zu
erfüllen (vgl. Apg 17, 20. 30). Dies sind Reden, die als
Beispiele für die Inkulturation des Evangeliums gelten können.
Unter dem Drängen des Geistes öffnet sich der christliche Glaube
mit Entschiedenheit gegenüber den »Völkern«, und das Zeugnis von
Christus gelangt zu den wichtigsten Zentren des östlichen
Mittelmeeres, um dann nach Rom und den äußersten Westen zu kommen. Der
Geist drängt dazu, immer weiter zu gehen, nicht nur im geographischen
Sinne, sondern auch dazu, ethnische und religiöse Barrieren zugunsten
einer wahrhaft universalen Mission zu überwinden.
Der Geist erweist die Kirche insgesamt als Missionskirche
26. Der Geist drängt die Gruppe der Glaubenden dazu, »Gemeinde zu
bilden«, Kirche zu sein. Nach der ersten Verkündigung von Petrus am
Pfingsttag und den Bekehrungen, die darauf folgten, bildet sich die
erste Gemeinde (vgl. Apg 2,42-47; 4,32-35).
Es ist in der Tat eines der wichtigsten Ziele der Mission, das Volk
zum Hören der Frohbotschaft, zur brüderlichen Gemeinschaft, zum Gebet
und zur Eucharistie zu versammeln. »Brüderliche Gemeinschaft« (koinonia)
leben bedeutet, »ein Herz und eine Seele« haben (Apg 4, 32),
eine Gemeinschaft unter allen humanen, spirituellen und materiellen
Gesichtspunkten aufbauen. Wahrhaft christliche Gemeinde ist auch um
die Teilung der irdischen Güter bemüht, damit es keine Notleidenden
gebe und alle »je nach Bedarf« Zugang zu diesen Gütern haben (Apg
2,45; 4,35, 11,27-30). Die ersten Gemeinden, in denen »die Freude
und die Einfachheit des Herzens« vorherrschten (Apg 2, 46),
besaßen eine dynamische und missionarische Offenheit: »Sie waren beim
ganzen Volk geschätzt« (Apg 2, 47). Mission bedeutet noch vor
aller Aktivität Zeugnis und Ausstrahlung.(34)
27. In der Apostelgeschichte gibt es Hinweise darauf, daß
die Mission, die sich zunächst an Israel und dann an die anderen
Völker wandte, sich auf mehreren Ebenen entfaltet. Da sind zuallererst
die Zwölf, die vereint unter der Leitung des Petrus die Frohe
Botschaft verkünden. Da ist weiters die Gemeinde der Gläubigen, die
mit ihrer Art zu leben und zu handeln den Herrn bezeugt und die Heiden
bekehrt (vgl. Apg 2, 46-47). Weiters gibt es Sonderbeauftragte,
die für die Verkündigung des Evangeliums bestimmt werden. So sendet
die christliche Gemeinde von Antiochien ihre Mitglieder in die
Mission: nach Fasten, Gebet und Eucharistiefeier stellt sie fest, daß
der Geist Paulus und Barnabas für die Sendung ausgewählt hat (vgl.
Apg 13, 1-4). Die Mission ist also in ihren Anfängen als Aufgabe
der Gemeinde, als Verantwortung der Ortskirche angesehen worden. Die
Gemeinde braucht »Missionare«, um sich auszubreiten. Neben diesen
Ausgesandten gab es auch solche, die spontan die ihr Leben verändernde
Neuheit bezeugten und die die im Entstehen begriffenen Gemeinden mit
der Apostolischen Kirche in Verbindung brachten.
Die Apostelgeschichte gibt uns zu verstehen, daß es in der
Mission ad gentes am Anfang der Kirche zwar Missionare »auf
Lebenszeit« gibt, die sich ihr aufgrund einer speziellen Berufung
widmen, daß die Mission aber gleichzeitig als eine ganz
selbstverständliche Frucht des christlichen Lebens, als Auftrag an
jeden Gläubigen angesehen wurde, durch seine Lebensführung und wenn
möglich durch ausdrückliche Verkündigung ein persönliches
Glaubenszeugnis zu geben.
Der Geist ist zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig und
am Werk
28. Der Geist zeigt sich in besonderer Weise in der Kirche und in
ihren Mitgliedern; jedoch ist seine Gegenwart und sein Handeln
allumfassend, ohne Begrenzung durch Raum und Zeit.(35) Das Zweite
Vatikanische Konzil erinnert an das Wirken des Geistes im Herzen jedes
Menschen, durch »die Samen des Wortes«, auch durch religiöse
Anregungen, durch Anstrengungen allen menschlichen Handelns, sofern es
auf die Wahrheit, auf das Gute, auf Gott ausgerichtet ist.(36)
Der Geist gibt dem Menschen »Licht und Kraft, um auf seine höchste
Berufung zu antworten«; durch den Geist »kann der Mensch im Glauben
zum Betrachten und Verkosten des Geheimnisses des Göttlichen
Heilsplanes gelangen«; überdies »müssen wir annehmen, daß der Heilige
Geist allen die Möglichkeit bietet, mit dem Ostergeheimnis in
Berührung zu kommen in einer Weise, die nur Gott kennt«;(37) in jedem
Fall weiß die Kirche, »daß der Mensch, vom Geist Gottes angespornt,
vom Problem der Religion nicht völlig unberührt bleiben« und »daß er
immer den Wunsch haben wird, wenigstens in Umrissen zu erkennen, was
der Sinn seines Lebens, seines Tuns, seines Todes sei«.(38) Der Geist
steht also am Ursprung der Existenz und Glaubensfrage jedes Menschen,
die sich ihm nicht nur in bestimmten Situationen, sondern aus der
Struktur seines Daseins selbst stellt.(39)
Die Gegenwart und das Handeln des Geistes berühren nicht nur
einzelne Menschen, sondern auch die Gesellschaft und die Geschichte,
die Völker, die Kulturen, die Religionen. Der Geist steht ebenso am
Ursprung edler Ideale und guter Initiativen der Menschheit auf deren
Wege: »In wunderbarer Vorsehung lenkt er den Weg der Zeiten und
erneuert er das Gesicht der Erde«.(40) Der auferstandene Christus
»wirkt im Herzen der Menschen in der Kraft seines Geistes, indem er
nicht nur den Wunsch nach einer zukünftigen Welt weckt, sondern
dadurch auch jene großmütigen Gedanken inspiriert, reinigt und
festigt, durch die die Menschheitsfamilie das eigene Leben
menschlicher zu gestalten und die ganze Welt diesem Ziele
unterzuordnen versucht«.(41) Und nochmals: es ist der Geist, der »die
Samen des Wortes« aussät, die in den Riten und Kulturen da sind und
der sie für ihr Heranreifen in Christus bereit macht.(42)
29. So leitet uns der Geist, der »weht, wo er will« (Joh 3,
8), der »in der Welt wirkte, noch bevor Christus verherrlicht
wurde«,(43) der »das Universum, alles umfassend, erfüllt und jede
Stimme kennt« (Weish 1, 7), dazu an, unseren Blick zu
erweitern, um so sein zu jeder Zeit und an jedem Ort vorhandenes
Wirken in Betracht zu ziehen. Es ist ein Aufruf, den ich selbst
wiederholt gemacht habe(44) und der mich bei den Begegnungen mit den
verschiedensten Völkern geleitet hat. Das Verhältnis der Kirche zu
anderen Religionen ist bestimmt von einem doppelten Respekt: »dem
Respekt vor dem Menschen bei seiner Suche nach Antworten auf die
tiefsten Fragen des Lebens und vom Respekt vor dem Handeln des Geistes
im Menschen«.(45) Die Begegnung zwischen den Religionen in Assisi
wollte unmißverständlich meine Überzeugung bekräftigen, daß »jedes
authentische Gebet vom Heiligen Geist geweckt ist, der auf
geheimnisvolle Weise im Herzen jedes Menschen gegenwärtig ist«.(46)
Es ist derselbe Geist, der bei der Menschwerdung, im Leben, im Tode
und bei der Auferstehung Jesu mitgewirkt hat und der in der Kirche
wirkt. Er ist nicht eine Alternative zu Christus, er füllt nicht eine
Lücke aus zwischen Christus und dem Logos, wie manchmal angenommen
wird. Was immer der Geist im Herzen der Menschen und in der Geschichte
der Völker, in den Kulturen und Religionen bewirkt, hat die
Vorbereitung der Verkündigung zum Ziel(47) und geschieht in bezug auf
Christus, das durch das Wirken des Geistes fleischgewordene Wort, »um
Ihn zu erwirken, den vollkommenen Menschen, das Heil aller und die
Zusammenführung des Universums«.(48)
Das universale Wirken des Geistes darf andererseits nicht getrennt
werden von der Eigenart des Wirkens am Leib Christi, der die Kirche
ist. Denn es ist immer der Geist, der wirkt, sei es daß er die Kirche
belebt und sie zur Verkündigung Christi drängt, sei es daß er seine
Gaben auf alle Menschen und Völker ausbreitet und sie entfaltet, indem
er die Kirche durch den Dialog anleitet, diese Gaben zu entdecken, zu
fördern und anzunehmen. Jede Gegenwart des Geistes muß mit Achtung und
Dankbarkeit aufgenommen werden. Seine Unterscheidung ist aber eine
Aufgabe der Kirche, der Christus seinen Geist gegeben hat, um sie zur
vollen Wahrheit zu führen (vgl. Joh 16, 13).
Die Missionstätigkeit steht erst in den Anfängen
30. In unserer Zeit, mit einer Menschheit in Bewegung und auf der
Suche, braucht es einen neuen Anstoß zur Missionstätigkeit der
Kirche. Die Horizonte und die Möglichkeiten der Mission weiten
sich aus, und wir Christen sind aufgerufen zu apostolischem Mut, der
auf das Vertrauen in den Geist gegründet ist. Er ist die Hauptfigur
der Mission!
Zahlreich sind in der Geschichte der Menschheit die Zeitenwenden,
die zu einer missionarischen Dynamik anregen. Die Kirche hat, geführt
vom Geist, darauf immer mit Großmut und Weitblick geantwortet. Es gab
dabei gute Ergebnisse. Vor kurzem wurde die Tausendjahrfeier der
Evangelisierung Rußlands und der Slawischen Völker begangen. Derzeit
bereiten wir die Feier des fünfhundertsten Jahrestages der
Evangelisierung Amerikas vor. In der letzten Zeit gab es auch
festliche Jahrhundertfeiern im Gedenken an die ersten Missionen in
verschiedenen Ländern Asiens, Afrikas und Ozeaniens. Heute sieht die
Kirche sich mit anderen Herausforderungen konfrontiert; sie muß zu
neuen Ufern aufbrechen, sei es in ihrer Erstmission ad gentes,
sei es in der Neuevangelisierung von Völkern, die die Botschaft von
Christus schon erhalten haben. Heute wird von allen Christen, von den
Ortskirchen und von der Weltkirche derselbe Mut verlangt, der die
Missionare der Vergangenheit bewegt hat und dieselbe Verfügbarkeit, um
die Stimme des Geistes zu hören.
KAPITEL IV
DAS UNBEGRENZTE AUSMAß DER MISSION AD GENTES
31. Jesus der Herr sendet seine Apostel zu allen Menschen, zu allen
Völkern und in alle Gegenden der Welt. Mit den Aposteln erhielt die
Kirche eine weltweite Sendung, die keine Grenzen kennt und die das
Heil in seiner ganzen Fülle betrifft, entsprechend jener Fülle des
Lebens, die die Ankunft Christi gebracht hat (vgl. Joh 10, 10):
die Kirche wurde »ausgesandt, um die Liebe Gottes allen Menschen und
allen Völkern der Erde zu offenbaren und weiterzugeben«.(49)
Es ist ein und dieselbe Mission mit demselben Ursprung und
demselben Ziel; aber innerhalb von ihr gibt es verschiedene Aufgaben
und Tätigkeiten. Vor allem ist es die Missionstätigkeit, die wir unter
Berufung auf das Konzilsdekret als Missio ad gentes bezeichnen.
Es handelt sich dabei um eine wesentliche und nie abgeschlossene
Haupttätigkeit der Kirche. Denn die Kirche »kann sich der
dauerhaften Sendung, allen das Evangelium zu bringen, die
Christus, den Erlöser der Menschen, noch nicht kennen - es sind
Millionen und Abermillionen von Männern und Frauen - nicht entziehen.
Das ist die ganz spezifische Missionsaufgabe, die Jesus seiner Kirche
anvertraut hat und täglich anvertraut«.(50)
Ein komplexes und in Bewegung geratenes religiöse Bild
32. Wir befinden uns heute vor einer stark veränderten und
schillernden religiösen Situation: die Völker sind in Bewegung;
soziale und religiöse Wirklichkeiten, die früher klar definiert waren,
entwickeln sich zu komplexen Situationen. Man denke dabei nur an
einige Phänomene wie die Verstädterung, die Massenwanderungen, die
Flüchtlingsbewegung, die Entchristlichung von Ländern mit alter
christlicher Tradition, an den deutlich erkennbaren Einfluß des
Evangeliums und seiner Werte in Ländern mit größtenteils
nichtchristlicher Mehrheit, an das Umsichgreifen von Messianismen und
religiösen Sekten. Es geht eine Umwälzung von sozialen und religiösen
Situationen vor sich, die es schwer macht, gewisse kirchliche
Unterscheidungen und Kategorien, an die man gewöhnt war, konkret
anzuwenden. Schon vor dem Konzil sagte man von einigen Hauptstädten
oder christlichen Ländern, sie seien »Missionsländer« geworden. Die
Situation hat sich in den darauffolgenden Jahren sicher nicht
verbessert.
Andererseits hat die Missionstätigkeit in allen Teilen der Welt
reiche Früchte gebracht; deshalb gibt es tief verwurzelte, zum Teil so
gefestigte und gereifte Kirchen, daß sie sowohl für die Bedürfnisse
der eigenen Gemeinden als auch für die Aussendung von Personal zur
Evangelisierung in anderen Kirchen und Gebieten gut gerüstet sind.
Dies im Kontrast zu Gebieten der alten Christenheit, deren
Neuevangelisierung notwendig geworden ist. Inzwischen fragen sich
nicht wenige, ob man noch von spezifischer Missionstätigkeit
oder von abgrenzbaren Bereichen sprechen könne, oder ob man nicht
zugeben müsse, daß es nur eine einheitliche Missionssituation
und folglich auch nur eine einheitliche, überall gleiche Sendung gebe.
Die Schwierigkeit, diese komlexe und veränderliche Realität in bezug
auf den Auftrag zur Evangelisierung zu deuten, zeigt sich bereits im
»Missionsvokabular«: es gibt zum Beispiel eine gewisses Zögern im
Gebrauch der Ausdrücke »Missionen« und »Missionare«; sie werden als
überholt und von negativen historischen Resonanzen belastet angesehen.
Man zieht es vor, zur Kennzeichnung des Wirkens der Kirche generell
das Hauptwort »Mission« in der Einzahl und das Eigenschaftswort
»missionarisch« zu verwenden.
Diese Not weist auf eine tatsächliche Veränderung hin, die auch
positive Aspekte hat. Die sogenannte Rückkehr oder »Wiederbeheimatung«
der Missionen in die Sendung der Kirche, das Einfließen
der Missiologie in die Ekklesiologie und die Einbindung
beider in den trinitarischen Heilsplan haben die Missionstätigkeit
selbst neu aufatmen lassen; sie wird nicht als eine Aufgabe am Rande
der Kirche begriffen, sondern eingebunden in das Herz ihres Lebens;
sie wird als wesentliche Verpflichtung des gesamten Volkes Gottes
verstanden. Man muß sich jedoch vor der Gefahr hüten, die sehr
verschiedenen Situationen auf die gleiche Stufe zu stellen und die
Mission sowie die Missionare ad gentes zu reduzieren, wenn
nicht gar verschwinden zu lassen. Die Feststellung, daß die ganze
Kirche eine Missionskirche ist, schließt nicht aus, daß es eine
spezifische Mission ad gentes gibt; so wie die Feststellung,
daß alle Katholiken Missionare sein sollen, nicht ausschließt, sondern
im Gegenteil erfordert, daß es aufgrund einer spezifischen Berufung
»Missionare ad gentes und auf Lebenszeit« geben soll.
Die Mission ad gentes behält ihren Wert
33. Die Unterschiede in der Tätigkeit im Rahmen der einen
Mission der Kirche ergeben sich nicht aus Gründen, die in der
Sache selbst, also in der Sendung liegen, sondern aus den
unterschiedlichen Umständen, in denen die Mission sich entfaltet.(51)
Wenn man die heutige Welt unter dem Gesichtspunkt der Evangelisierung
betrachtet, kann man drei Situationen unterscheiden.
Zunächst jene Situation, an die sich die Missionstätigkeit der
Kirche wendet: an Völker, Menschengruppen, soziokulturelle
Zusammenhänge, in denen Christus und sein Evangelium nicht bekannt
sind oder in denen es an genügend reifen christlichen Gemeinden fehlt,
um den Glauben in ihrer eigenen Umgebung Fuß fassen zu lassen und
anderen Menschengruppen verkündigen zu können. Das ist die eigentliche
Mission ad gentes.(52)
Sodann gibt es christliche Gemeinden, die angemessene und solide
kirchliche Strukturen besitzen, die eifrig sind im Glauben und im
Leben, die mit ihrem Zeugnis vom Evangelium in ihre Umgebung
ausstrahlen und die Verantwortung für die Weltmission spüren. In ihnen
entfaltet sich die Seelsorgstätigkeit der Kirche.
Schließlich gibt es eine Situation dazwischen, vor allem in Ländern
mit alter christlicher Tradition, aber manchmal auch in jüngeren
Kirchen, wo ganze Gruppen von Getauften den lebendigen Sinn des
Glaubens verloren haben oder sich gar nicht mehr als Mitglieder der
Kirche erkennen, da sie sich in ihrem Leben von Christus und vom
Evangelium entfernt haben. In diesem Fall braucht es eine »neue
Evangelisierung« oder eine »Wieder-Evangelisierung«.
34. Die spezifische Missionstätigkeit oder die Mission ad gentes
wendet sich an »die Völker und die Gruppen, die noch nicht an Christus
glauben«, an »jene, die fern von Christus sind«, bei denen die Kirche
»noch nicht Wurzeln geschlagen hat«(53) und deren Kultur noch nicht
vom Evangelium beeinflußt ist.(54) Sie unterscheidet sich von den
anderen kirchlichen Tätigkeiten, weil sie sich an Gruppen und Umfelder
wendet, die aufgrund des Fehlens oder des Ungenügens der evangelischen
Verkündigung und der kirchlichen Präsenz nicht christlich sind. Sie
hat den Charakter eines Werkes der Verkündigung Christi und seines
Evangeliums, des Aufbaus der Ortskirche, der Verbreitung der Werte des
Reiches Gottes. Die Besonderheit dieser Mission ad gentes
ergibt sich aus der Tatsache, daß sie sich an »Nicht Christen« wendet.
Es ist deshalb zu vermeiden, daß diese »ausgesprochen missionarische
Aufgabe, die Jesus seiner Kirche anvertraut hat und täglich neu
anvertraut«,(55) innerhalb der umfassenden Sendung des ganzen Volkes
Gottes zu einer abgewerteten Wirklichkeit und folglich vernachlässigt
oder vergessen wird.
Andererseits sind die Grenzen zwischen der Seelsorge der
Gläubigen, der Neu-Evangelisierung und der ausgesprochen
missionarischen Tätigkeit nicht eindeutig bestimmbar und es ist
undenkbar, zwischen ihnen Barrieren oder scharfe Trennungen zu machen.
Doch darf die Kraft nicht verlorengehen für die Verkündigung und
Gründung von neuen Kirchen unter Völkern oder Menschengruppen, wo es
sie noch nicht gibt. Denn die erste Aufgabe der Kirche ist ihre
Sendung zu allen Völkern und bis an die Grenzen der Erde. Ohne die
Mission ad gentes wäre die missionarische Dimension der Kirche
selbst ihres ursprünglichen Sinnes und ihrer gezielten Umsetzung
beraubt.
Ebenfalls zu beachten ist eine reale und wachsende gegenseitige
Abhängigkeit zwischen den verschiedenen Sendungsaufträgen der
Kirche: jede von ihnen hat Einfluß auf die andere, regt sie an und
hilft ihr. Die missionarische Dynamik schafft einen Austausch zwischen
den Kirchen und ist auf die Außenwelt ausgerichtet, mit positiven
Einflüssen in jeder Hinsicht. Die Kirchen mit alter christlicher
Tradition zum Beispiel, die sich mit der spannenden Aufgabe der
Neuevangelisierung befassen, begreifen besser, daß sie gegenüber den
Nicht-Christen in anderen Ländern und Kontinenten nicht missionarisch
wirken können, wenn sie sich nicht ernsthaft um die Nicht-Christen im
eigenen Haus kümmern: die Missionsbereitschaft nach innen ist
ein glaubwürdiges Zeichen und Anreiz für jene nach außen und
umgekehrt.
Trotz Schwierigkeiten allen Völkern
35. Die Mission ad gentes steht vor einer ungeheuren
Aufgabe, die keineswegs im Schwinden ist. Im Gegenteil, sie scheint
ein noch viel weiteres Blickfeld vor sich zu haben, sowohl unter der
zahlenmäßigen Rücksicht der demographischen Zunahme als auch unter der
sozio-kulturellen Rücksicht des Entstehens neuer Beziehungen, neuer
Kontakte und sich verändernder Situationen. Der Auftrag zur
Verkündigung Jesu Christi bei allen Völkern ist sehr umfangreich und
im Vergleich zu den menschlichen Kräften der Kirche unverhältnismäßig
groß.
Die Schwierigkeiten scheinen unüberwindbar und könnten
entmutigen, wenn es sich um ein rein menschliches Unterfangen
handelte. In einigen Ländern ist den Missionaren die Einreise
verboten; in anderen ist nicht nur die Evangelisierung verboten,
sondern auch die Konversion und sogar der christliche Kult. Noch
anderswo bestehen Hindernisse kultureller Art: die Vermittlung der
evangelischen Botschaft erscheint irrelevant oder unverständlich;
Bekehrung wird als Verleugnung des eigenen Volkes und der eigenen
Kultur angesehen.
36. Es gibt im Volk Gottes auch interne Schwierigkeiten, die
noch viel schmerzlicher sind. Schon mein Vorgänger Papst Paul VI. hat
an erster Stelle hingewiesen auf »das Fehlen des Eifers, was umso
schlimmer ist, weil es von innen kommt; dies zeige sich in der
Müdigkeit, in der Enttäuschung, in der Bequemlichkeit, in mangelndem
Interesse und vor allem im Fehlen der Freude und der Hoffnung«.(56)
Große Hindernisse für die Missionsbereitschaft der Kirche bilden auch
die früheren und gegenwärtigen Spaltungen unter den Christen,(57) die
Entchristlichung in christlichen Ländern, das Zurückgehen der Berufe
zum Apostolat, die abstoßenden Zeugnisse von Gläubigen und
christlichen Gemeinden, die in ihrem Leben nicht dem Modell Christi
folgen. Eine der schwerwiegendsten Ursachen des geringen Interesses
für den Missionseinsatz ist jedoch eine Denkweise der
Gleichgültigkeit, die leider auch unter Christen weit verbreitet ist
und die ihre Wurzeln in theologisch nicht richtigen Vorstellungen hat.
Diese Denkweise ist durchdrungen von einem religiösen Relativismus,
der zur Annahme führt, daß »eine Religion gleich viel gilt wie die
andere«. Wir können hinzufügen - wie derselbe Papst sagte -, daß es
auch »Alibis gibt, die von der Evangelisierung ablenken. Am
gefährlichsten sind sicher jene, von denen man sich einbildet, sie
fänden in dieser oder jener Lehre des Konzils einen Anhaltspunkt«.(58)
Ich lege diesbezüglich den Theologen und den Fachleuten der
christlichen Presse lebhaft nahe, den eigenen Dienst für die Mission
zu verstärken und den tiefen Sinn ihres wichtigen Dienstes auf dem
rechten Wege des »sentire cum Ecclesia« zu entdecken.
Die inneren und äußeren Schwierigkeiten dürfen uns nicht untätig
oder zu Pessimisten machen. Was hier - wie in jedem Bereich des
christlichen Lebens - zählt, ist das Vertrauen, das aus dem Glauben
kommt, aus der Überzeugung also, daß nicht wir die Hauptpersonen der
Mission sind, sondern Jesus Christus und sein Geist. Wir sind nur
Mitarbeiter; und wenn wir alles getan haben, was uns möglich ist,
müssen wir sagen: »Wir sind unnütze Diener. Wir haben getan, was zu
tun uns aufgetragen war« (Lk 17, 10).
Bereiche der Mission ad gentes
37. Die Mission ad gentes kennt kraft des weltumspannenden
Auftrages Christi keine Grenzen. Man kann jedoch verschiedene Bereiche
umreißen, in denen sie sich entfaltet, sodaß man ein reales Bild der
Situation erhält.
a) Gebietsbezogene Bereiche: Die Missionstätigkeit ist
normalerweise in bezug auf genau umrissene Gebiete definiert worden.
Das 2. Vatikanische Konzil hat die gebietsbezogene Dimension der
Mission ad gentes anerkannt;(59) sie ist auch heute noch
wichtig und hat den Zweck, die Verantwortung, die Zuständigkeit und
die geographischen Handlungsräume abzugrenzen. Es ist zwar wahr, daß
einer Weltmission eine Weltperspektive entsprechen muß: die Kirche
kann in der Tat keine Grenzen und politischen Hindernisse akzeptieren,
die ihre Missionspräsenz eingrenzen. Aber es ist auch wahr, daß die
Missionstätigkeit ad gentes, die von der Seelsorge der
Gläubigen und der Neu-Evangelisierung der Nicht Praktizierenden
verschieden ist, in klar abgegrenzten Gebieten und bei bestimmten
Menschengruppen ausgeübt wird.
Man darf sich nicht täuschen lassen von der starken Zunahme der
jungen Kirchen in letzter Zeit. In den diesen Kirchen anvertrauten
Gebieten, besonders in Asien, aber auch in Afrika, in Lateinamerika
und in Ozeanien gibt es ausgedehnte, nicht evangelisierte Zonen. In
einer Reihe von Nationen sind ganze Völker und Kulturen von großer
Bedeutung noch nicht von der Glaubensverkündigung und von der
Ortskirche erfaßt.(60) Auch in traditionell christlichen Ländern gibt
es Gegenden, Menschengruppen und nicht evangelisierte Bereiche, die
der speziellen Leitung der Mission ad gentes anvertraut sind.
Es ist also auch in diesen Ländern nicht nur eine Neu-Evangelisierung,
sondern in einigen Fällen eine erstmalige Evangelisierung geboten.(61)
Die einzelnen Situationen sind jedoch nicht gleichgeartet. Auch
wenn man dazu steht, daß die Aussagen bezüglich der missionarischen
Verantwortung der Kirche nicht glaubwürdig sind, wenn sie nicht vom
ernsthaften Einsatz einer Neu-Evangelisierung in den Ländern mit
christlicher Tradition begleitet sind, wird man die Situation eines
Volkes, das Christus nie kennengelernt hat, nicht gleichsetzen können
mit jener eines anderen Volkes, das ihn kennengelernt, angenommen und
dann abgelehnt hat und das dennoch in einer Kultur mit zum großen Teil
evangelischen Prinzipien und Werten weiterlebt. Es sind dies in bezug
auf den Glauben zwei grundverschiedene Ausgangsbedingungen.
Deshalb gilt das geographische Kriterium weiterhin als eine
Richtlinie zur Absteckung der Grenzen, nach der sich - auch wenn nicht
sehr genau und immer vorläufig - die Missionstätigkeit richten muß. Es
gibt Länder und geographische sowie kulturelle Räume, in denen
einheimische christliche Gemeinden fehlen; anderswo sind diese
Gemeinden so klein, daß sie kein eindeutiges Zeichen der Präsenz des
Christentums sein können; oder es fehlt ihnen an Dynamik, in ihrer
Umgebung das Evangelium zu künden, oder sie gehören Volksminderheiten
an, die nicht in die vorherrschende nationale Kultur eingebettet sind.
Vor allem auf dem asiatischen Kontinent, auf den sich das
Hauptaugenmerk der Mission ad gentes richten sollte, bilden die
Christen nur eine kleine Minderheit, auch wenn man dort manchmal
nennenswerte Konversions-Bewegungen und beispielhafte Formen
christlicher Präsenz feststellen kann.
b) Neue Soziale Welten und Phänomene: Die raschen und
tiefgreifenden Umwälzungen, die heute die Welt, besonders die südliche
Hälfte, charakterisieren, haben einen starken Einfluß auf das Bild der
Mission: wo zuerst menschlich und sozial stabile Verhältnisse
herrschten, ist heute alles in Bewegung geraten. Man denke zum
Beispiel an die Verstädterung und an das massive Anwachsen der Städte,
vor allem dort, wo der Bevölkerungsdruck am stärksten ist. Derzeit
lebt in vielen Staaten schon mehr als die Hälfte der Bevölkerung in
einigen wenigen Großstädten, in denen sich die Probleme des Menschen
oft verschlimmern, gerade wegen der Anonymität, in die die Massen sich
eingetaucht fühlen.
In der Neuzeit erfolgte die Missionstätigkeit überwiegend in
verlassenen Gebieten, fernab von zivilisierten Zentren und in
Gebieten, die aufgrund der Kommunikationsschwierigkeiten, der Sprache
und des Klimas unzugänglich waren. Heutzutage verändert sich das Bild
der Mission ad gentes zusehends: zu den bevorzugten Orten
müßten die Großstädte werden, in denen neue Gewohnheiten und
Lebensstile, neue Formen der Kultur und der Kommunikation entstehen,
die ihrerseits wieder die Bevölkerung beeinflussen. Es stimmt, daß
»die Wahl für die Geringsten« dazu führen muß, diejenigen
Menschengruppen am wenigsten zu vernachlässigen, die am meisten am
Rande stehen und isoliert sind. Es stimmt aber auch, daß man Einzelnen
und kleinen Gruppen nicht das Evangelium verkünden kann, wann man
diejenigen Zentren vernachläßigt, in denen sozusagen eine neue
Menschheit mit neuen Entwicklungsmodellen heranwächst. Die Zukunft der
jungen Nationen nimmt ihren Ausgang in den Städten.
Wenn man von der Zukunft spricht, darf man die Jugend nicht
vergessen, die in zahlreichen Ländern mehr als die Hälfte der
Bevölkerung ausmacht. Wie erreicht die Botschaft Christi die
nichtchristliche Jugend, die die Zukunft ganzer Kontinente bildet? Die
herkömmlichen Mittel der Pastoral reichen offensichtlich nicht mehr
aus. Es braucht Vereine und Institutionen, Gruppen und Jugendhäuser,
kulturelle und soziale Initiativen für die Jugend. Das ist das
Betätigungsfeld, auf dem sich die modernen kirchlichen Bewegungen in
breitem Ausmaße entfalten können.
Zu den großen Veränderungen der Gegenwart gehören die Aus- und
Einwanderer, durch die ein neues Phänomen entsteht: zahlreiche
Nichtchristen kommen in Länder mit alter christlicher Tradition; es
ergibt sich die Gelegenheit zu neuen Kontakten und kulturellem
Austausch; die Kirche sieht sich zu ihrer Aufnahme, zu Dialog, zu
Hilfe, mit einem Wort, zu Brüderlichkeit herausgefordert. Unter den
Einwanderern nehmen die Flüchtlinge einen ganz eigenen Platz ein und
verdienen volle Aufmerksamkeit. Es sind inzwischen viele Millionen auf
der ganzen Welt und es werden immer mehr. Sie sind geflüchtet vor
politischer Unterdrückung und unmenschlichem Elend, vor Hungersnot und
Trockenheit in katastrophalen Ausmaßen. Die Kirche muß sie im Umfeld
ihrer apostolischen Sorge aufnehmen.
Schließlich muß an die oft unerträglichen Situationen der Armut
erinnert werden, die es in vielen Ländern gibt und die oft am Ursprung
des Massenauszugs stehen. Die Gemeinschaft der Gläubigen in Christus
weiß sich von diesen unmenschlichen Situationen herausgefordert. Die
Verkündigung Christi und des Reiches Gottes muß für diese Völker zu
einem menschlichen Instrument der Erlösung werden.
c) Kulturbereiche oder moderne Areopage: Nachdem Paulus an
zahlreichen Orten gepredigt hat, kam er nach Athen und begab sich auf
den Areopag; dort verkündet er das Evangelium in einer Sprache, die
für diese Umgebung geeignet und verständlich war (vgl. Apg 17,
22-31). Der Areopag stellte damals das Kulturzentrum des gebildeten
Volkes von Athen dar; er kann heute als Symbol für neue Bereiche
aufgefaßt werden, denen das Evangelium zu verkünden ist.
Ein solcher erster Areopag der neuen Zeit ist die Welt der
Kommunikation, die die Menschheit immer mehr eint und - wie man zu
sagen pflegt - zu einem »Weltdorf« macht. Die Mittel der sozialen
Kommunikation spielen eine derartig wichtige Rolle, daß sie für viele
zum Hauptinstrument der Information und Bildung, der Führung und
Beratung für individuelles, familiäres und soziales Verhalten geworden
sind. Vor allem die neuen Generationen wachsen in einer davon
geprägten Welt auf. Vielleicht ist dieser Areopag etwas vernachlässigt
worden. Man bevorzugt im allgemeinen andere Hilfsmittel für die
Verkündigung des Evangeliums und für die Bildung, während die
Massenmedien der Initiative einzelner oder kleiner Gruppen überlassen
werden und in der pastoralen Planung erst an untergeordneter Stelle
Eingang finden. Die Einbeziehung der Massenmedien hat jedenfalls nicht
nur den Zweck, die Botschaft des Evangeliums vielen zugänglich zu
machen. Es handelt sich um eine weitaus tiefere Angelegenheit, da die
Evangelisierung der modernen Kultur selbst zum großen Teil von ihrem
Einfluß abhängt. Es genügt also nicht, sie nur zur Verbreitung der
christlichen Botschaft und der Lehre der Kirche zu benutzen; sondern
die Botschaft selbst muß in diese, von der modernen Kommunikation
geschaffene »neue Kultur« integriert werden. Es ist ein komplexes
Problem, da diese Kultur noch vor ihren Inhalten aus der Tatsache
selbst entsteht, daß es neue Arten der Mitteilung in Verbindung mit
einer neuen Sprache, mit neuen Techniken und mit neuen psychologischen
Haltungen gibt. Mein Vorgänger Papst Paul VI. sagte, daß »der Bruch
zwischen Evangelium und Kultur ohne Zweifel das Drama unserer Zeit
ist«.(62) Das weite Feld der heutigen Kommunikation bestätigt dieses
Urteil voll und ganz.
Es gibt noch viele andere Areopage der modernen Welt, an denen sich
die Missionstätigkeit der Kirche orientieren muß. Da ist zum Beispiel
der Einsatz für den Frieden, die Entwicklung und Befreiung der Völker;
da sind die Menschen und Völkerrechte, vor allem jene der
Minderheiten; da sind die Förderung der Frau und des Kindes. Der
Schutz der Schöpfung ist ebenfalls ein Bereich, der im Lichte des
Evangeliums zu erhellen ist.
Es sei weiters an den überaus weitläufigen Areopag der Kultur, der
wissenschaftlichen Forschung und an die internationalen Beziehungen
erinnert, die alle einen Dialog begünstigen und zu neuen Projekten
zugunsten des Lebens führen. Man muß sich aufmerksam und engagiert in
diesen modernen Instanzen einbringen. Die Menschen fühlen sich wie
Seeleute auf der stürmischen See des Lebens, aufgerufen zu immer
größerer Einheit und Solidarität. Lösungen für die existenziellen
Probleme können nur unter Mitwirkung aller studiert, diskutiert und
experimentiert werden.
Dazu erweisen sich internationale Organismen und Zusammenkünfte in
vielen Sektoren des menschlichen Lebens, von der Kultur bis zur
Politik, von der Wirtschaft bis zur Forschung als immer wichtiger. Die
Christen, die in dieser internationalen Dimension leben und arbeiten,
sollen sich ihre Pflicht, das Evangelium zu bezeugen, vor Augen
halten.
38. Unsere Zeit hat zugleich etwas Dramatisches und Faszinierendes
an sich. Während die Menschen einerseits dem materiellen Erfolg
nachzulaufen und sich immer mehr im konsumistischen Materialismus
einzutauchen scheinen, zeigt sich auf der anderen Seite die ängstliche
Suche nach Sinn, das Bedürfnis nach Innerlichkeit, die Sehnsucht nach
dem Erlernen neuer Formen der Konzentration und des Gebetes. Nicht nur
in den religiös geprägten Kulturen, sondern auch in den
säkularisierten Gesellschaften wird die geistliche Dimension des
Lebens als Heilmittel gegen Entmenschlichung gesucht. Dieses
sogenannte Phänomen der »Rückkehr zur Religion« ist nicht ohne
Zweideutigkeit, enthält aber auch eine Einladung. Die Kirche besitzt
ein unschätzbares geistliches Gut, das sie der Menschheit anbieten
kann: es ist Christus, der sich als »der Weg, die Wahrheit und das
Leben« bezeichnet (Joh 14,16). Es ist der christliche Weg der
Begegnung mit Gott, mit dem Gebet, mit der Askese, mit der Entdeckung
des Lebenssinnes. Auch das ist auf dem Areopag zu verkündigen.
Treue zu Christus und Förderung der Freiheit des Menschen
39. Alle Formen der Missionstätigkeit sind gekennzeichnet vom
Bewußtsein, die Freiheit des Menschen zu fördern, indem ihm Jesus
Christus verkündigt wird. Die Kirche muß Christus treu sein, dessen
Leib sie ist und dessen Sendung sie fortsetzt. Sie »folge demselben
Weg, der von Christus gegangen wurde, dem Weg der Armut, des
Gehorsams, des Dienstes und seines Opfers bis zum Tod, aus dem er dann
auferstand und als Sieger hervorging«.(63) Die Kirche hat also die
Pflicht, alles daranzusetzen, um ihre Sendung in der Welt zu entfalten
und alle Völker zu erreichen; und sie hat auch das Recht, das ihr zur
Verwirklichung seines Planes von Gott gegeben wurde. Die religiöse
Freiheit, manchmal noch begrenzt oder vergewaltigt, ist Voraussetzung
und Garantie für alle Freiheiten, die das Gemeinwohl der Menschen und
der Völker sichern. Es bleibt zu hoffen, daß die wahre religiöse
Freiheit allen und überall gewährt wird. Die Kirche setzt sich für
dieses Ziel in verschiedenen Ländern ein, vor allem in Ländern mit
katholischer Mehrheit, wo sie einen größeren Einfluß hat. Es handelt
sich dabei jedoch nicht um ein Problem der Mehrheits- oder
Minderheitsreligion, sondern vielmehr um ein unverrückbares Recht
jedes Menschen.
Andererseits wendet sich die Kirche an den Menschen im vollen
Respekt vor seiner Freiheit.(64) Die Mission bezwingt die Freiheit
nicht, sondern begünstigt sie. Die Kirche schlägt vor, sie drängt
nichts auf: Sie respektiert die Menschen und Kulturen, sie macht
Halt vor dem Heiligtum des Gewissens. Vor denen, die sich unter den
verschiedensten Vorwänden der Missionstätigkeit widersetzen,
wiederholt die Kirche: Öffnet Christus die Türen!
Ich wende mich an alle Teilkirchen, an die jungen und an die alten.
Die Welt findet immer mehr zusammen, der Geist des Evangeliums muß zur
Überwindung von kulturellen und nationalistischen Barrieren führen und
jedes Sich-Verschließen zu vermeiden suchen. Schon Papst Benedikt XV.
ermahnte die Missionare seiner Zeit, sie würden »ihre eigene Würde
verlieren, wenn sie mehr an ihre irdische Heimat als an jene des
Himmels dächten«.(65)
Dieselbe Aufforderung gilt heute für alle Ortskirchen: Öffnet den
Missionaren die Türen, denn »jede Ortskirche, die sich bewußt von der
Weltkirche trennen wollte, würde ihre Rückbindung an den Plan Gottes
verlieren und in ihrer kirchlichen Dimension verarmen«.(66)
Die Aufmerksamkeit dem Süden und dem Orient zuwenden
40. Die Missionstätigkeit stellt auch heute noch die größte
Herausforderung für die Kirche dar. Während wir uns dem Ende des
zweiten Jahrtausends des Erlösungswerkes nähern, wird es immer
deutlicher, daß jene Völker, zu denen noch keine erste Verkündigung
von Christus gedrungen ist, die Mehrheit der Menschheit bilden. Die
Bilanz der Missionstätigkeit in der Neuzeit ist sicher positiv: die
Kirche ist in allen Kontinenten verwurzelt, ja die Mehrheit der
Gläubigen und der Ortskirchen lebt heute nicht mehr im alten Europa,
sondern in jenen Kontinenten, die von den Missionaren für den Glauben
geöffnet wurden.
Es bleibt aber die Tatsache, daß die »äußersten Enden der Erde«,
denen das Evangelium zu bringen ist, sich immer mehr entfernen. Die
Feststellung Tertullians, wonach »das Evangelium auf der ganzen Welt
und bei allen Völkern verkündet worden ist«,(67) ist recht weit von
ihrer konkreten Verwirklichung entfernt. Die Mission ad gentes
steht noch in ihren Anfängen. Neue Völker treten in Erscheinung; auch
sie haben das Recht auf die Verkündigung des Heiles. Der
Bevölkerungszuwachs im Süden und im Orient, in nichtchristlichen
Ländern, läßt ständig die Zahl jener Menschen anwachsen, die die
Erlösung in Christus nicht kennen.
Die missionarische Aufmerksamkeit muß also auf jene geographischen
Gebiete und auf jene kulturellen Umfelder gelenkt werden, die
außerhalb des Einflusses des Evangeliums geblieben sind. Alle, die an
Christus glauben, sollen die apostolische Verantwortung als einen
integrierenden Teil ihres Glaubens spüren, anderen die Freude und das
Licht zu vermitteln. Diese Verantwortung muß gewissermaßen zum Hunger
und Durst werden, den Herrn bekanntzumachen, sobald sich der
Blickwinkel auf die weiten Teile der nichtchristlichen Welt ausweitet.
KAPITEL V
WEGE DER MISSION
41. »Missionstätigkeit ist nichts anderes und nichts weniger als
Kundgabe oder Epiphanie und Erfüllung des Planes Gottes in der Welt
und ihrer Geschichte, in der Gott durch die Mission die
Heilsgeschichte sichtbar vollzieht«.(68) Welchen Wegen folgt nun die
Kirche, um zu diesem Ergebnis zu kommen?
Mission ist eine einzige, aber komplexe Wirklichkeit, die sich in
verschiedenen Formen entfaltet, unter denen einige in der
gegenwärtigen Situation der Kirche und der Welt von besonderer
Wichtigkeit sind.
Die erste Form der Evangelisierung ist das persönliche
Zeugnis
42. Der Mensch unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als den
Lehrern,(69) mehr der Erfahrung als der Lehre, mehr dem Leben und den
Taten als den Theorien. Das Zeugnis des christlichen Lebens ist die
erste und unersetzbare Form der Mission. Christus, dessen Sendung wir
fortsetzen, ist der »Zeuge« schlechthin (Off 1, 5; 3, 14) und
das Modell christlichen Zeugnisses. Der Heilige Geist begleitet den
Weg der Kirche und läßt sie teilnehmen am Zeugnis, das er von Christus
gibt (vgl. Joh 15, 26-27).
Die erste Form des Zeugnisses ist das Leben des Missionars, der
christlichen Familie und der kirchlichen Gemeinschaft; diese Form
läßt eine neue Verhaltensweise erkennen. Der Missionar, der trotz
aller Grenzen und menschlichen Schwächen in Einfachheit nach dem
Modell Christi lebt, ist ein Zeichen Gottes und der transzendenten
Wirklichkeit. Dieses Zeugnis können und müssen jedoch alle in der
Kirche geben, indem sie sich bemühen, den göttlichen Meister
nachzuahmen;(70) ein Zeugnis, das in vielen Fällen die einzig mögliche
Form ist, Missionar zu sein.
Das evangelische Zeugnis, das die Welt am ehesten wahrnimmt, ist
jenes der Aufmerksamkeit für die Menschen und der Liebe zu den Armen
und den Kleinen, zu den Leidenden. Der Geschenkcharakter dieses
Verhaltens und dieser Aktivitäten, die sich abgrundtief von dem in
jedem Menschen vorhandenen Egoismus unterscheiden, führt zu gezielten
Fragen nach Gott und dem Evangelium. Auch der Einsatz für den Frieden,
die Gerechtigkeit, die Menschenrechte und die menschliche Entfaltung
ist ein evangelisches Zeugnis, wenn er Zeichen der Aufmerksamkeit für
die Menschen ist, ausgerichtet auf die Gesamtentfaltung des
Menschen.(71)
43. Der Christ und die christliche Gemeinde sind tief verwurzelt im
Leben der jeweiligen Völker; sie sind Zeugen des Evangeliums auch in
der Treue zu ihrer Heimat, zu ihrem Volk, zu ihrer Landeskultur, immer
jedoch in der Freiheit, die Christus gebracht hat. Das Christentum ist
offen für eine weltweite Brüderlichkeit, weil alle Menschen Söhne und
Töchter desselben Vaters und Geschwister in Christus sind.
Die Kirche ist aufgerufen, ihr Zeugnis von Christus zu geben, indem
sie mutig und prophetisch Position ergreift gegen die Korruption der
politischen und wirtschaftlichen Macht; indem sie selbst weder Ruhm
noch materielle Güter sucht; indem sie ihre Güter für den Dienst an
den Ärmsten verwendet und zur Einfachheit des Lebens in Christus
einlädt. Die Kirche und die Missionare müssen auch ein Zeugnis der
Demut geben, bezogen vor allem auf sich selbst. Diese Demut drückt
sich auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene aus in der
Fähigkeit zur Gewissenserforschung, um in den eigenen Verhaltensweisen
das auszubessern, was unevangelisch ist und das Angesicht Christi
entstellt.
Die Erst-Verkündigung Christi, des Erlösers
44. Die Verkündigung hat in der Mission jederzeit Vorrang. Die
Kirche darf sich dem ausdrücklichen Auftrag Christi nicht entziehen;
sie darf den Menschen die »gute Nachricht«, daß sie von Gott geliebt
und gerettet sind, nicht vorenthalten. »Die Evangelisierung wird - als
Basis, Zentrum und zugleich Höhepunkt ihrer Dynamik - immer auch eine
klare Aussage enthalten, daß in Jesus Christus ... jedem Menschen das
Heil angeboten ist, als Geschenk der Gnade und Barmherzigkeit Gottes
selbst«.(72) Alle Formen der Missionstätigkeit haben diese
Verkündigung zum Ziel; sie führt in das in der Zeit verborgene und in
Christus enthüllte Geheimnis ein und enthüllt es (vgl. Eph 3,
3-9; Kol 1, 25-29). Christus ist das Herzstück der Mission und
des Lebens der Kirche, der Angelpunkt der gesamten Evangelisierung.
In der komplexen Wirklichkeit der Mission spielt die erstmalige
Verkündigung eine zentrale und unersetzbare Rolle, weil sie eine
Einführung ist »in das Geheimnis der Liebe Gottes, die zu einer engen
persönlichen Beziehung in Christus ruft«(73) und den Weg zur Bekehrung
öffnet. Der Glaube erwächst aus der Verkündigung. Jede kirchliche
Gemeinschaft beginnt mit und lebt aus der persönlichen Antwort jedes
einzelnen Glaubenden auf diese Verkündigung.(74) So wie die ganze
Heilsökonomie auf Christus ausgerichtet ist, so ist die Verkündigung
seines Geheimnisses das Ziel jeder Missionstätigkeit.
Die Verkündigung hat Christus, den Gekreuzigten, Gestorbenen und
Auferstandenen zum Gegenstand: durch ihn ereignet sich die volle und
echte Befreiung vom Bösen, von der Sünde und vom Tod; in ihm schenkt
Gott das »neue Leben«, ein göttliches und ewiges Leben. Das ist die
»gute Nachricht«, die den Menschen und die Geschichte der Menschheit
verändert und auf deren Kenntnis alle Völker ein Recht haben. Diese
Verkündigung hat im Kontext des Lebens der Menschen und der Völker,
die sie erhalten, zu geschehen. Sie muß weiters aus der Haltung der
Liebe und der Wertschätzung des Hörenden heraus erfolgen, in einer
konkreten und den Umständen angepaßten Sprache. In ihr ist der Geist
am Werk und stellt eine Gemeinschaft zwischen dem Missionar und den
Hörenden her, die dadurch möglich ist, daß sowohl der eine als auch
die anderen durch Christus mit dem Vater verbunden sind.(75)
45. Verkündigung als Geschehen in Einheit mit der ganzen
kirchlichen Gemeinschaft ist niemals eine rein persönliche
Angelegenheit. Der Missionar ist da und wirkt kraft eines erhaltenen
Auftrages; auch wenn er allein ist, ist er durch ein unsichtbares,
aber enges Band mit der Missionstätigkeit der ganzen Kirche
verbunden.(76) Die Hörer erkennen früher oder später hinter ihm die
Gemeinde, die ihn gesandt hat und die ihn unterstützt.
Die Verkündigung ist vom Glauben beseelt, der beim Missionar
Enthusiasmus und Eifer hervorruft. Wie schon gesagt wurde, bezeichnet
die Apostelgeschichte diese Haltung mit dem Wort Parresía,
das heißt: mit Offenheit und Freimut sprechen. Dieser Begriff wird
auch bei Paulus verwendet: »Im Vertrauen auf unseren Gott haben wir
den Mut gehabt, euch trotz harter Kämpfe das Evangelium von Gott zu
künden« (1 Thess 2, 2). »Betet ... auch für mich, daß Gott mir
das rechte Wort schenkt, wenn es darauf ankommt, mit Freimut das
Geheimnis des Evangeliums zu verkünden, als dessen Gesandter ich im
Gefängnis bin. Bittet, daß ich in seiner Kraft freimütig zu reden
vermag, wie es meine Pflicht ist« (Eph 6, 18-20).
Der Missionar geht bei der Verkündigung Christi unter
Nicht-Christen von der Überzeugung aus, daß sowohl bei den einzelnen
als auch bei den Völkern durch das Wirken des Geistes schon eine -
wenn auch unbewußte - Erwartung da ist, die Wahrheit über Gott, über
den Menschen, über den Weg zur Befreiung von Sünde und Tod zu
erfahren. Die Begeisterung bei der Verkündigung Christi kommt von der
Überzeugung, auf diese Erwartung antworten zu können, sodaß der
Missionar sich weder entmutigen läßt noch von seinem Zeugnis abgeht,
auch wenn er seinen Glauben in einer feindseligen oder gleichgültigen
Umgebung zu bekennen hat. Er weiß, daß der Geist des Vaters in ihm
spricht (vgl. Mt 10, 17-20; Lk 12, 11-12) und kann mit
den Aposteln wiederholen: »Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der
Heilige Geist« (Apg 5, 32). Er weiß, daß er nicht eine
Menschenweisheit verkündet, sondern das »Wort Gottes«, das eine ihr
eigene innere und geheimnisvolle Kraft besitzt (vgl.Röm 1, 16).
Den besten Beweis dafür bildet das Geschenk des Lebens, bis zur
Annahme des Todes als Zeugnis des Glaubens an Jesus Christus. Seit
jeher kennt die Geschichte des Christentums zahlreiche und
unverzichtbare »Märtyrer« d.h. Zeugen auf dem Weg des Evangeliums.
Auch in unserer Zeit gibt es sie in großer Zahl: Bischöfe, Priester,
Ordensmänner und Ordensfrauen, Laien und oft unbekannte heldenhafte
Menschen, die ihr Leben als Zeugen des Glaubens hingeben. Sie sind an
erste Stelle Verkünder und Zeugen.
Bekehrung und Taufe
46. Die Verkündigung des Wortes Gottes hat die christliche
Bekehrung zum Ziel, das heißt die volle und ehrliche Zugehörigkeit
zu Christus und seinem Evangelium durch den Glauben. Die Bekehrung ist
ein Geschenk Gottes, ein Werk der Dreifaltigkeit: es ist der Geist,
der die Herzen öffnet, damit die Menschen an den Herrn glauben und
»ihn bekennen« können (vgl. 1 Kor 12, 3). Jesus sagt zu dem,
der sich ihm im Glauben nähert: »Niemand kann zu mir kommen, wenn
nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt« (Joh
6, 44).
Die Bekehrung ist von Anfang an ein voller und radikaler
Glaubensausdruck, der weder Grenzen noch Einhalt kennt und das
Geschenk Gottes voll und ganz annimmt. Zugleich jedoch setzt sie mit
Bestimmtheit einen dynamischen und dauerhaften Prozeß in Gang, der das
ganze Leben lang dauert und der einen ständigen Übergang vom »Leben
nach dem Fleisch« zu einem »Leben nach dem Geist« erfordert (vgl.
Röm 8, 3-13). Sie bedeutet, die Heilswirklichkeit Christi durch
persönliche Entscheidung annehmen und sein Jünger werden.
Die Kirche ruft alle zu dieser Bekehrung auf, nach dem Beispiel
Johannes des Täufers, der den Weg für Christus bereitete, »indem er
Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden predigte« (Mk 1, 4),
und nach dem Beispiel Christi selbst, »der, nachdem man Johannes ins
Gefängnis geworfen hatte, wieder nach Galiläa ging und dort das
Evangelium Gottes verkündete mit den Worten: Die Zeit ist erfüllt, das
Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium«
(Mk 1, 14-15).
Heute steht der Aufruf zur Bekehrung, den die Missionare an
Nicht-Christen richten, zur Diskussion oder wird verschwiegen. Man
sieht darin einen Akt des »Proselitismus«; man sagt, es genüge, den
Menschen zu helfen, mehr Mensch zu werden oder der eigenen Religion
treuer zu sein; man sagt, es genüge, Gemeinschaften ins Leben zu
rufen, die fähig seien, für Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden und
Solidarität einzutreten. Aber man vergißt dabei, daß jeder Mensch das
Recht hat, von der »guten Nachricht« Gottes zu hören, der sich in
Christus offenbart und schenkt; so erst kann der Mensch seine eigene
Berufung voll verwirklichen. Die Größe dieses Geschehens klingt in den
Worten Jesu an die Samaritanerin an: »Wenn du wüßtest, worin die Gabe
Gottes besteht« und in dem unbewußten, aber brennenden Verlangen der
Frau: »Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr Durst habe« (Joh
4, 10.15).
47. Die Apostel luden, bewegt vom Heiligen Geist, alle zur Änderung
des Lebens, zur Bekehrung und zum Empfang der Taufe ein. Sofort nach
dem Pfingstereignis spricht Petrus in überzeugender Weise zu der
Menge: »Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten
zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder? Petrus
antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf
den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden. Dann werdet
ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen« (Apg 2, 37-38).
Und er taufte an jenem Tag ungefähr dreitausend Menschen. Ein anderes
Mal spricht Petrus nach der Heilung eines Gelähmten zu der Menge und
wiederholt: »Kehrt also um und tut Buße, damit eure Sünden
getilgt werden!« (Apg 3, 19).
Die Bekehrung zu Christus ist eng mit der Taufe verbunden: diese
Verbindung besteht nicht nur wegen der Praxis der Kirche, sondern
aufgrund des Willens Christi und seines Aussendungsauftrags, alle
Völker zu seinen Jüngern zu machen und sie zu taufen (vgl. Mt
28, 19); sie besteht auch aus einem inneren Zusammenhang heraus, um
die Fülle des neuen Lebens in ihm zu erhalten: »Amen, Amen, ich sage
dir - spricht Jesus zu Nikodemus -: wenn jemand nicht aus Wasser und
Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen« (Joh
3, 5). Die Taufe schafft uns in der Tat neu zum Leben als Kinder
Gottes. Sie verbindet uns mit Jesus Christus und salbt uns im Heiligen
Geist. Die Taufe ist nicht einfach die Besiegelung der Bekehrung,
gleichsam ein äußerliches Zeichen der Bestätigung; sie ist vielmehr
das Sakrament, das diese Neugeburt im Geist bezeichnet und bewirkt,
das reale und unlösbare Bande mit der Trinität knüpft und die
Getauften zu Gliedern Christi und seiner Kirche macht.
An all das muß erinnert werden, da nicht wenige gerade dort, wo
sich die Mission ad gentes entfaltet, dazu neigen, die
Bekehrung zu Christus von der Taufe zu trennen, letztere als nicht
notwendig zu bezeichnen. Es ist wahr, daß in bestimmten Gegenden
soziologische Aspekte bezüglich der Taufe zu beobachten sind, die den
wahren Sinn des Glaubens eher verdunkeln. Das rührt von verschiedenen
historischen und kulturellen Faktoren her, die - wo sie noch vorhanden
sind - zu beseitigen sind, damit das Sakrament der geistlichen
Neugeburt in seiner vollen Bedeutung erscheine. Dieser Aufgabe müssen
sich die lokalen kirchlichen Gemeinschaften widmen. Es ist auch wahr,
daß nicht wenige Menschen zugeben, innerlich Christus und seiner
Botschaft verpflichtet zu sein; aber sie wollen es nicht im Sakrament
sein, weil sie aufgrund ihrer Vorurteile oder der Schuld von Christen
die wahre Natur der Kirche als Geheimnis des Glaubens und der Liebe
nicht zu erfassen vermögen.(77) Ich möchte diese Menschen ermutigen,
sich Christus voll zu öffnen und sie daran erinnern, daß - wenn sie
die Faszination Christi spüren - er selbst die Kirche als den »Ort«
gewollt hat, an dem man ihm tatsächlich begegnen kann. Gleichzeitig
lade ich die Gläubigen und die christlichen Gemeinden ein, Christus
mit ihrem neuen Leben glaubhaft zu bezeugen.
Sicher, jeder Bekehrte ist ein Geschenk auch an die Kirche und
bedeutet für sie eine schwere Verantwortung; nicht nur, weil er im
Katechumenat auf die Taufe vorbereitet und dann durch religiöse
Unterweisung begleitet werden muß, sondern auch weil er, speziell als
Erwachsener, mit neuer Energie die Begeisterung des Glaubens mitbringt
und den Wunsch, in der Kirche selbst ein gelebtes Evangelium
vorzufinden. Es wäre für ihn eine Enttäuschung, wenn er, der in die
kirchliche Gemeinschaft eingetreten ist, dort ein müdes, freudloses,
nicht erneuerungsbereites Leben anträfe. Wir können nicht die
Bekehrung predigen, wenn wir uns nicht selbst jeden Tag bekehren.
Bildung von Ortskirchen
48. Bekehrung und Taufe gliedern in die Kirche ein, wo sie schon
besteht, oder erfordern die Bildung neuer Gemeinden, die Jesus als
Herrn und Heiland bekennen. Dies ist Teil des Heilsplans Gottes, dem
es gefallen hat |